Auf einen Blick
- Sprecher: Günter Merlau ist eine Institution in der deutschen Urban-Fantasy-Vertonung – er kennt Weitzes Welt, und das hört man in jeder Szene.
- Themen: Urban Fantasy und verdeckte Ermittlung, Identität und verdrängte Erinnerungen, übernatürliche Verschwörung
- Stimmung: Actionreich und humorvoll, mit dunkleren Momenten wenn Miras Vergangenheit auftaucht
- Fazit: Ein starker zweiter Band für alle, die die erste Reihe kennen – aber kein Einstiegspunkt für Neuankömmlinge in Weitzes Welt.
Ich habe die erste Nebula-Convicto-Reihe von Torsten Weitze vor etwa zwei Jahren gehört, in einer Phase, in der ich Urban Fantasy als Genre neu für mich entdeckt habe. Weitze hat dort etwas geschafft, das ich selten finde: eine Welt, die ihre übernatürlichen Elemente ernst nimmt, ohne den Humor zu verlieren. Der Übergang zur Nachfolgeserie « Im Namen des Rates » war deshalb für mich keine Frage des Ob, sondern des Wann.
« Gefangene des Grossen Spiels » ist der zweite Band dieser Folgeserie, und er setzt genau dort an, wo der erste aufgehört hat: Mira und ihre Grenzgänger sind tief in den Strukturen des Schwertschilf-Clans eingebettet, getarnt als Handlanger, wartend auf weitere Anweisung. Das ist ein gutes Setup, und Weitze nutzt es von der ersten Stunde an. Der Überfall auf Mira kommt früh, und mit ihm die Frage, die das gesamte Buch antreibt: Wer weiß, wer Mira wirklich ist?
Las Vegas als übernatürlicher Schauplatz
Der Wechsel nach Las Vegas ist ein mutiger Schritt. Weitze verlässt die vertrauten europäischen Settings und schickt Mira und ihr Team in eine Stadt, die schon ohne übernatürliche Einmischung surreal genug ist. Das funktioniert besser als ich erwartet hatte. Las Vegas als Ort, an dem Grenzen zwischen Möglichem und Unmöglichem verschwimmen, ist keine zufällige Wahl – es passt zur Logik der Grenzgänger-Welt, in der das Anderswo und die menschliche Realität ständig aufeinanderprallen.
Günter Merlau kennt diese Welt. Das ist kein Kompliment für die Routine, sondern ein Lob für die Vertrautheit. Er weiß, wie Mira klingt, wenn sie unter Druck steht, wie der Humor in den actionreichen Szenen funktioniert, ohne die Spannung zu brechen. Bei einem zweiten Band in einer Serie ist das entscheidend: Der Erzähler muss nicht neu vorstellen, er muss tragen. Merlau trägt.
Miras Vergangenheit als eigentlicher Konflikt
Was diesen Band für mich von einem reinen Action-Sequel abhebt, ist die Behandlung von Miras verdrängten Erinnerungen. Weitze lässt sie nicht einfach als Plot-Device auftauchen, wenn es dramatisch günstig ist. Er baut sie behutsam auf, verknüpft sie mit dem Überfalls-Subplot und mit der Frage nach Miras Familie, die sie zurück ins Anderswo holen will. Das verleiht dem Buch eine emotionale Schicht, die reine Verschwörungsplots oft vermissen lassen.
Ein Rezensent schreibt, er habe sich gefragt, wie Weitze nach der ersten Nebula-Reihe eine würdige Fortsetzung schreiben will – und habe sich angenehm überrascht gefunden. Ich teile diese Einschätzung. Weitze hat den Übergang nicht mit einem Neustart gelöst, sondern mit einer Vertiefung. Die Grenzgänger haben eine Geschichte, und diese Geschichte begleitet sie.
Humor ohne Selbstzweck
Was Weitze von manchen Urban-Fantasy-Autoren unterscheidet, ist sein Gespür dafür, wann Humor angebracht ist und wann er stört. Die komischen Momente in diesem Buch sind nie Ablenkung vom Ernst der Lage. Sie entstehen aus den Charakteren, aus Miras Reaktionen auf das Absurde, das um sie herum passiert. Das ist schwieriger zu schreiben als es klingt, und Merlau setzt es im Ton genau um.
Bei 13 Stunden und 2 Minuten ist der Band knapp, aber dicht. Es gibt keine Kapitel, die sich wie Füllmaterial anfühlen. Weitze schreibt kompakt, und Merlau profitiert davon – er hat selten die Gelegenheit, das Tempo zu verlieren, weil das Buch ihm keine gibt.
Was ich Neueinsteigern sagen muss
Wer Torsten Weitze noch nicht kennt: Bitte nicht hier anfangen. « Gefangene des Grossen Spiels » setzt nicht nur die « Im Namen des Rates »-Serie fort, sondern baut auf Ereignissen und Beziehungen auf, die in der Nebula-Convicto-Vorgängerserie etabliert wurden. Ohne dieses Fundament werden Namen, Clans und die Logik des Anderswo nicht vollständig verständlich sein. Der richtige Einstieg ist der erste Band der Nebula-Reihe.
Für alle, die die Serie kennen: Dieser zweite Band macht das, was gute Fortsetzungen machen sollen. Er bewegt die Figuren vorwärts, stellt neue Fragen, gibt alte nicht zu früh preis, und er lässt einen mit dem Wunsch zurück, sofort den nächsten Band zu hören.