Auf einen Blick
- Sprecher: Danne Hoffmann gibt Heidi Kastners pointiertem Text eine angenehm kluge Direktheit, ohne das Essay in einen Vortrag zu verwandeln.
- Themen: Kognitive Schwächen und kollektive Ignoranz, emotionale Intelligenz, Populismus und Leithammel-Prinzip
- Stimmung: Trocken und scharf, mit einem Unterton echter Dringlichkeit
- Fazit: Kurz, klug und aktueller als einem lieb sein kann, auch wenn man nach 2 Stunden noch mehr wollte.
Bücher über Dummheit gibt es einige, aber kaum eines hat mich beim ersten Satz so direkt gepackt wie das von Heidi Kastner. Ich war gerade in der Küche, hatte das Hörbuch aus reiner Neugier gestartet, und nach drei Minuten stand ich am Herd mit einem Kochlöffel in der Hand und lachte laut auf. Nicht weil das Buch komisch ist, obwohl es das an Stellen durchaus ist, sondern weil der erste Angriff auf das Thema so präzise trifft, dass man unwillkürlich auf Kastners Seite gerät, ehe man überhaupt weiß, wohin die Argumentation führt.
Danne Hoffmann liest die 2 Stunden und 16 Minuten in einem Ton, der zur Autorin passt: sachlich, klar, ohne falsche Emotionalisierung. Kastner schreibt nicht für ein akademisches Publikum, aber auch nicht für eines, das am Handgelenk geführt werden will. Hoffmanns Lesung trifft diesen Anspruch gut.
Was Kastner unter Dummheit eigentlich versteht
Der Begriff ist aufgeladen, das weiß Kastner, und sie geht damit von Anfang an produktiv um. Ihre Definition ist nicht: Menschen mit niedrigem IQ. Sie unterscheidet zwischen messbarer kognitiver Leistung, emotionaler Intelligenz, sozialer Kompetenz und dem, was sie als willentliche Ignoranz beschreibt. Gerade der letzte Punkt ist der politisch brisante: Menschen, die prinzipiell in der Lage wären, rationaler zu urteilen, es aber aus verschiedenen Gründen nicht tun. Das Phänomen des Leithammels, der uns das Denken abnimmt, die Anziehungskraft des Influencers, der einen einzigen wahren Weg zeigt, die kollektive Bereitschaft, alternative Fakten als gleichwertig zu behandeln: Kastner benennt das ohne Beschönigung.
Was « Dummheit » von ähnlichen Sachbüchern unterscheidet, ist die Bereitschaft der Autorin, keine einfachen Schuldigen zu identifizieren. Kastner erklärt, warum Dummheit in bestimmten sozialen und politischen Kontexten attraktiv ist. Das ist unbequemer als ein Fingerzeig auf die anderen, aber erheblich erhellender.
Die Schwäche, die auch eine Stärke ist: die Kürze
2 Stunden und 16 Minuten sind für ein Sachbuch auffällig kurz. Mehrere Leserinnen und Leser haben das in ihren Rezensionen beklagt, und ich verstehe den Einwand. Kastner reißt Themenfelder an, die eigene Bücher verdienen würden. Die kurze Behandlung des Zusammenhangs zwischen Bildungssystemen und kollektiver Ignoranz zum Beispiel, oder die Frage nach der Verantwortung von Medien, bleibt an der Oberfläche. Man will mehr, und mehr ist nicht da.
Gleichzeitig ist die Kompaktheit auch eine Qualität. In einer Zeit, in der Sachbücher oft auf Seitenzahl aufgebläht werden, die ihrem Argument nicht gut tut, ist Kastners Verzicht auf Padding tatsächlich wohltuend. Sie sagt, was sie sagen will, sagt es klar, und hört auf. Das ist eine Form von intellektueller Disziplin, die man nicht unterschätzen sollte.
Wann man dieses Hörbuch einplanen sollte
Als Lektüre für eine Bahn- oder Autofahrt ist « Dummheit » fast zu perfekt. Man hört es durch, bevor man am Ziel ist, und hat genug Stoff für ein Gespräch über das gesamte Wochenende. Als Abend-Hörbuch für mehrere Etappen ist es schlechter geeignet: Kastners Argumentation baut aufeinander auf, und wenn man mehrere Tage zwischen den Kapiteln wartet, verliert man Fäden.
Wer politisch nachdenklich ist und sich fragt, warum Gesellschaften bestimmte Entscheidungen treffen, die kurzfristig Vorteile bringen und langfristig schaden, findet bei Kastner eine präzise formulierte Antwort. Wer eine erschöpfende Abhandlung erwartet, wird nach 2 Stunden leicht unbefriedigt aufhören. Aber unbefriedigt im Sinne von: Ich will mehr, und das ist eigentlich ein Kompliment.