Auf einen Blick
- Sprecher: Vitor Alabaca meistert die ungewöhnliche Aufgabe, stundenlange Level- und Skill-Sequenzen spannend zu halten — eine handwerkliche Leistung, die dieses Genre oft unterschätzt.
- Themen: Überleben und Selbsterschaffung in einer systembrechenden Welt, LitRPG-Progression als persönliche Entwicklung, Verantwortung gegenüber einer Gemeinschaft
- Stimmung: Intensiv und saugend, mit einer langsam wachsenden emotionalen Tiefe, die die ersten statistischen Kapitel mehr als aufwiegt
- Fazit: Das beste deutschsprachige LitRPG-Hörbuch, das mir bisher untergekommen ist — vorausgesetzt, man gibt ihm die dreißig Kapitel, die es braucht, um zu zeigen, was es wirklich ist.
Ich gestehe: Ich bin kein LitRPG-Fan von Hause aus. Das Genre — Romane, die ihre Handlung durch Spielmechaniken wie Erfahrungspunkte, Skill-Trees und Level-Ups strukturieren — hat mich immer ein wenig kaltgelassen. Zu trocken, zu mechanisch, zu weit weg von dem, was ich an Literatur liebe. Dann habe ich « Die Legende von Randidly Ghosthound » gehört. Fünfundzwanzig Stunden und vierundvierzig Minuten später saß ich da und überlegte, wann der zweite Band erscheint.
Das hat mich selbst überrascht.
Der Dungeon, der alles ändert
Die Ausgangssituation ist für das Genre vertraut: Die Erde wird durch ein sogenanntes System transformiert, das plötzlich jedem Menschen Stufen, Skills, Monsterbegegnungen und die sehr reale Möglichkeit des Todes beschert. Noret Flood macht allerdings von Anfang an klar, dass er mit dieser bekannten Prämisse etwas anderes vorhat. Randidly Ghosthound findet sich nicht gemütlich im Tutorial wieder, sondern in einem isolierten Dungeon, der weit jenseits seines Levels liegt. Er hat keine Wahl, er kann den Ort nicht verlassen, ohne zu gewinnen — und er hat noch keinerlei Fähigkeiten.
Was folgt, sind Monate im Dungeon. Für die Außenwelt vergehen dabei nur Stunden. Diese Zeitverzerrung ist eine der klügsten strukturellen Entscheidungen des Buches: Randidly kommt aus dem Dungeon heraus als eine Person, die sich alles selbst erarbeitet hat, während alle anderen noch am Anfang stehen. Und trotzdem ist er keine Allmacht-Fantasie. Er ist jemand mit einem tiefen Verantwortungsgefühl für andere — und das kostet ihn etwas.
Das Pfadsystem als Spiegel einer Persönlichkeit
Mehrere Rezensenten loben das Pfadsystem des Buches besonders, und das zu Recht. Während andere LitRPG-Werke auf generische Attributsverteilung setzen (« +3 Stärke, +2 Agilität »), entwickelt Flood ein System, das Randidlys Entwicklung als Person widerspiegelt. Welche Pfade er wählt, sagt etwas über ihn aus. Das gibt dem statistischen Gerüst, das LitRPG nun einmal mit sich bringt, eine emotionale Bedeutung, die ich in diesem Genre selten erlebt habe.
Ein Rezensent schreibt, er habe anfangs befürchtet, das ganze Buch bestehe nur aus Leveln und Statistik-Spam — und sei dann von der Geschichte überrascht worden. Das trifft genau das, was dieses Buch ausmacht: Es ist ein langsames Öffnen. Die ersten Kapitel sind tatsächlich mechanischer und distanzierter. Wer durchhält, wird belohnt.
Vitor Alabacas Arbeit an einem außergewöhnlich langen Material
Fünfundzwanzig Stunden sind selbst für Fantasyhörbücher ein stattliches Maß. Vitor Alabaca trägt diese Last souverän. Was mich an seiner Arbeit besonders beeindruckt: Er findet einen Ton für die Statistik-Passagen, der sie nicht wie verlesene Tabellendaten klingen lässt. Das ist schwieriger, als es klingt. Wer je versucht hat, endlose Skill-Beschreibungen in Prosaform lebendig zu halten, weiß, wovon ich rede. Alabaca schafft das, indem er Randidlys innere Reaktion auf jede Entwicklung betont statt die Zahlen selbst. Wenn ein Skill aufrüstet, klingt es nach einem Moment persönlicher Leistung — nicht nach einer Programmausgabe.
Die Sprachqualität des Deutsch ist gut; die Übersetzung wurde in Rezensionen durchweg gelobt. Eine der fünf-Sterne-Bewertungen bezeichnet sie ausdrücklich als « Top-Übersetzung », was in einem Genre, das oft aus dem Englischen überführt wird, keine Selbstverständlichkeit ist.
Für wen dieses Hörbuch passt — und wer Geduld mitbringen muss
LitRPG-Fans werden dieses Buch lieben, besonders jene, die sich von Serien auf Royal Road ernähren und wissen, was eine seriöse Progression-Fantasy leisten kann. Aber auch Hörer, die dem Genre bisher skeptisch gegenüberstanden, können hier positiv überrascht werden — wenn sie bereit sind, dem Buch seine charakteristischen ersten Stunden zu geben, bevor die eigentliche Geschichte sich entfaltet.
Wer von Genre-Mechanismen grundsätzlich genervt ist oder bei dem Gedanken an Skill-Screens und Erfahrungspunkte innerlich abblendet, wird auch nach dreißig Kapitel nicht konvertiert sein. Für alle anderen: Die über fünfzig Millionen Aufrufe auf Royal Road kommen nicht von ungefähr.