Auf einen Blick
- Sprecher: Andreas Fröhlich bewältigt ein 34-Stunden-Epos mit bemerkenswerter Charakterdifferenzierung — die verschiedenen Kulturen und Sprachen in Osten Ard werden hörbar unterschiedlich behandelt.
- Themen: Macht und Verrat, Held ohne Bestimmung, Freundschaft zwischen ungleichen Welten
- Stimmung: Episch und atmosphärisch dicht, verlangt volle Aufmerksamkeit und belohnt sie
- Fazit: Eines der wichtigsten Fantasy-Epen überhaupt, in einer Leistung vorgetragen, die dem Material gerecht wird — aber ausdrücklich erst nach Band eins hören.
Es gibt Bücher, die man sich als Hörbuch kauft und dann in Etappen hört — zwanzig Minuten hier, eine halbe Stunde dort. Und dann gibt es Bücher, die einen einfach nicht loslassen. « Der Abschiedsstein » gehört zur zweiten Kategorie. Ich habe den ersten Teil, « Der Drachenbeinthron », vor einigen Jahren als Buch gelesen und mich jetzt entschieden, die Fortsetzung als Hörbuch zu erleben. Mit Andreas Fröhlich. Das war, rückblickend, eine sehr gute Entscheidung.
« Der Abschiedsstein » ist der zweite von vier Teilen von Tad Williams’ Saga « Das Geheimnis der Großen Schwerter », die in den frühen neunziger Jahren erschienen ist und heute als eines der einflussreichsten Werke der modernen Fantasy gilt. George R.R. Martin hat sie als Inspiration für Game of Thrones bezeichnet — und wer beide kennt, versteht, warum. Nicht wegen der Gewalt oder der politischen Intrigen allein, sondern wegen der Ernsthaftigkeit, mit der Williams seine Welt aufbaut: Osten Ard ist kein Dekor, sondern ein lebendiger Ort mit Geschichte, Kulturen, Sprachen und einer Mythologie, die über Jahrhunderte gewachsen wirkt.
Simon Sturmauge und die Unwahrscheinlichkeit des Helden
Was Williams in dieser Reihe tut, was damals ungewöhnlich war und heute selbstverständlicher erscheint, ist die Wahl eines Helden, der kein Held sein will und keiner ist. Simon, Küchenbursche auf dem Hochhorst, findet sich ohne eigenes Zutun in einer Welt wieder, in der das Schicksal der Menschen entschieden wird. Er ist weder edel noch besonders klug, er macht Fehler, er hat Angst, er wächst langsam und glaubwürdig. Die Suche nach dem Abschiedsstein — einem der magischen Schwerter, mit denen die Feinde besiegt werden könnten — ist seine Prüfung, aber sie verändert ihn langsam und ohne dramaturgischen Kniff.
Das ist die Art von Charakterarbeit, die 34 Stunden Laufzeit rechtfertigt. Wer ungeduldig ist und schnelle Wendungen erwartet, wird gelegentlich auf die Probe gestellt. Einer der Rezensenten hat es gut formuliert: Das Buch verlangt einiges an Aufmerksamkeit, weil sehr viele Charaktere und Handlungsstränge parallel geführt werden. Das ist kein Einwand gegen das Buch, aber es ist eine ehrliche Warnung. « Der Abschiedsstein » ist keine Entspannungslektüre. Es ist ein Epos, das man bewusst liest — oder hört.
Andreas Fröhlich in 34 Stunden
Fröhlich ist als Hörbuchsprecher eine Institution im deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt durch seine jahrelange Arbeit an Fantasy- und Abenteuerwerken. Was er bei diesem Buch leistet, ist beachtlich: In einer Geschichte, die mehrere Kulturen umfasst — die menschlichen Königreiche, die Qanuc-Trolle Binabik und Sisqi, die untoten Norns, den unsterblichen Elbenprinzen Ineluki — muss jede Gruppe hörbar unterscheidbar sein. Fröhlich löst das nicht mit übertriebenen Akzenten, sondern mit Rhythmus, Tonlage und Sprechtempo. Die Trolle klingen anders als die Höflinge, die Norns anders als die menschlichen Kämpfer, und Inelukis seltene Auftritte haben eine Qualität, die den Charakter sofort als Bedrohung kennzeichnet, bevor sein Handeln das bestätigt.
Ein Rezensent hat geschrieben, dass man die Charaktere bereits an der Stimmlage des Lesers erkennt. Das ist für ein 34-Stunden-Epos mit einem einzigen Sprecher keine Kleinigkeit. Fröhlich verliert den Überblick nie, was bei dieser Komplexität ein echtes Lob ist.
Mittelteil eines Epos — und was das heißt
Es ist wichtig zu sagen, was « Der Abschiedsstein » strukturell ist: ein Mittelteil. Er beginnt, wo Band eins aufgehört hat, und endet, ohne das Schicksal der Saga zu entscheiden. Das ist keine Kritik, aber es ist die Wahrheit über dieses Format. Wer in Band zwei einsteigt, hat zwar eine hilfreiche Kurzzusammenfassung des ersten Bandes, aber das ist kein Ersatz für 30 Stunden geteilter Geschichte mit Simon, Josua und Binabik. Die emotionale Tiefe dieser Begegnung mit dem Abschiedsstein und den Trollen erschließt sich vollständig nur, wenn man weiß, wo diese Figuren hergekommen sind.
Wer « Der Drachenbeinthron » kennt und liebt, findet in « Der Abschiedsstein » genau das, was man sich von einem zweiten Band erhofft: mehr Tiefe, mehr Risiko, mehr Welt. Wer noch nicht begonnen hat: Bitte mit Band eins anfangen. Es lohnt sich.