Auf einen Blick
- Sprecher: Olaf Pessler liest die neunzehn Interviews mit ruhiger Sachlichkeit und lässt den Zeitzeugen den Raum, den sie verdienen — seine Stimme ordnet sich dem Material unter, ohne es zu färben.
- Themen: Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, persönliche Erinnerung, Schuld und Verantwortung
- Stimmung: Nachdenklich und bewegend, stellenweise erschütternd
- Fazit: Wer Geschichte nicht als Datum, sondern als gelebte Erfahrung begreifen möchte, findet hier ein außergewöhnliches Hörerlebnis.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich an einem Sonntagabend im Oktober dieses Hörbuch angemacht habe — eigentlich nur kurz reinschnuppern, bevor ich schlafen gehe. Zweieinhalb Stunden später saß ich noch immer auf dem Sofa, mit dem Gedanken an einen alten Mann, der als letzter Überlebender des Ersten Weltkriegs über das Sterben seiner Kameraden sprach. Das ist die Qualität, die André Groenewouds Interviewsammlung auszeichnet: Sie holt einen ein und lässt einen nicht mehr los.
« Das wollte ich Ihnen noch sagen » versammelt neunzehn Gespräche, die der Journalist für den Stern und die Bunte geführt hat, bevor er als ZDF-Korrespondent nach Südostasien wechselte. Die Bandbreite ist bemerkenswert: vom Navigator der Enola Gay, der die Bombe auf Hiroshima abwarf, bis zu einem japanischen Überlebenden des Angriffs. Von Françoise Gilot, die mit Picasso lebte, bis zu Helmut Schmidt über moralische Vorbilder. Von Imelda Marcos über Macht und Diktatur bis zu einem einfachen Jungen, der zufällig auf einem Foto des Zweiten Weltkriegs verewigt wurde.
Was die Auswahl der Gesprächspartner verrät
Der klügste Entscheid Groenewouds ist die Mischung aus Weltbekannten und fast Vergessenen. Helmut Schmidt und David Rockefeller — das sind Namen, die man erwartet. Aber Groenewoud interessieren ebenso die Fußnoten der Geschichte: der Überlebende, der nie im Scheinwerferlicht stand, der Augenzeuge, dessen Name im Lexikon fehlt. Ein Rezensent fasst es treffend zusammen: Interessant seien oft nicht die totgeschriebenen Allerweltsnamen, sondern jene, die als Hauptdarsteller in einer Nebenrolle der Geschichte auftraten. Dieses Prinzip zieht sich durch alle neunzehn Gespräche und gibt dem Hörbuch seine besondere Dichte.
Natürlich ist die Interviewform kein neutrales Medium. Groenewoud stellt die Fragen, er entscheidet, was ins Buch kommt, und die Befragten haben mitunter die Veröffentlichung autorisiert. Ein kritischer Hörer bei Audible moniert das zu Recht: Man bekomme trotz allem keinen vollständig ungefilterten Blick. Das stimmt. Aber das gilt für jedes Interview — und Groenewoud ist als Journalist erfahren genug, um aus diesem Spannungsfeld zwischen Offenheit und Kontrolle das Beste zu machen. Die ehrlichsten Momente sind oft dort, wo die Antworten unbequem sind und trotzdem stehen bleiben.
Olaf Pessler und die Kunst des Zurücktretens
Olaf Pessler ist als Sprecher eine sichere Wahl für ein solches Projekt. Seine Stimme ist warm, aber nicht sentimental. Er moduliert kaum, er dramatisiert nicht — und das ist hier genau richtig. Das Material trägt sich selbst. Ein Überlebender von Hiroshima braucht keine theatralische Betonung; die Worte sprechen ohne jeden Nachdruck. Pessler scheint das verstanden zu haben. Er tritt zurück und gibt den Zeugen das Wort. Über knapp acht Stunden bleibt das Niveau konstant; es gibt keine Ermüdungserscheinungen im Vortrag, keine Stellen, an denen man das Gefühl hat, er lese schon auf Autopilot.
Einzig bei den wenigen Momenten, in denen Groenewoud selbst als Stimme auftaucht — kurze Zwischentexte, Einleitungen — könnte man sich etwas mehr Differenzierung wünschen. Der Übergang zwischen Autorenstimme und Interviewtext ist akustisch nicht immer sofort erkennbar. Das ist ein kleiner Kritikpunkt an der Hörspielregie, kein Vorwurf an Pessler persönlich.
Geschichte als Erfahrung, nicht als Schulstoff
Was dieses Hörbuch von einem Geschichtsfilm oder einer Dokumentation unterscheidet, ist seine Intimität. Groenewoud trifft Menschen an ihren letzten Lebensjahren; einige der Befragten sind inzwischen gestorben. Man hört also, in gewissem Sinn, Stimmen von Toten — was dem Ganzen eine stille Dringlichkeit verleiht. Wenn Hans-Dietrich Genscher über seine berühmtesten Worte spricht, wenn Rockefeller über seine Familie redet, wenn der Navigator der Enola Gay über den Moment nachdenkt, in dem er den Abwurfknopf drückte: das ist kein akademisches Geschichtsquiz, das ist das Gewicht eines Jahrhunderts in einzelnen Menschenleben.
Ein Hörer wünschte sich bereits einen zweiten Teil — und ich verstehe den Impuls. Das Konzept ist so klar wie fruchtbar: Lass die Zeugen reden, bevor sie nicht mehr können. Es gibt keinen Ersatz für diese Art von Nähe zur Geschichte. Wenn der erste Teil eine Kritik verdient, dann höchstens die, dass manche Gespräche knapper ausfallen als andere, sodass einzelne Interviewpartner etwas unterbelichtet wirken. Aber das ist der Preis der Komprimierung — und bei neunzehn Gesprächen in knapp acht Stunden war Auswahl unvermeidlich.
Für wen dieses Hörbuch funktioniert
Wer Zeitgeschichte mag und gut zuhören kann, wird hier belohnt. Wer ein spannendes erzählendes Sachbuch mit starkem Erzähltempo erwartet, könnte sich stellenweise nach mehr Dramaturgie sehnen. Die Interviewform setzt eine gewisse Mitarbeit voraus: Man muss bereit sein, bei manchmal langen Antworten mitzudenken, ohne dass Groenewoud eine These für einen aufbereitet. Das ist kein Mangel — es ist eine bewusste Entscheidung. Und für diejenigen, die sich darauf einlassen können, lohnt es sich vollständig.