Auf einen Blick
- Sprecher: Detlef Bierstedt verleiht der Geschichte mit seiner charakteristischen tiefen Stimme enormen Sog und differenziert die vielen Perspektivfiguren klar voneinander.
- Themen: Ressourcenausbeutung und ihre Folgen, Industrialisierung und Magie, politische Machtkämpfe
- Stimmung: Episch und dicht, mit einem Tempo, das nach den ersten Stunden kaum nachlässt
- Fazit: Ein kraftvoller Auftakt, der Steampunk und Fantasy so clever verschränkt, dass man kaum merkt, wie die 25 Stunden vergehen.
Es war ein Samstagvormittag, an dem ich eigentlich meinen Haushalt erledigen wollte. Das Erwachen des Feuers lief im Hintergrund an, und zwei Stunden später stand ich immer noch in der Küche, Geschirrspüler halb ausgeräumt, und starrte ins Leere, weil ich einfach nicht aufhören konnte zuzuhören. So beginnt das, was ich als das unterbewertete Fantasy-Ereignis des Jahres 2017 bezeichnen würde: Anthony Ryans Einstieg in seine Draconis-Memoria-Trilogie.
Detlef Bierstedt ist als Stimme vielen aus Film und Fernsehen bekannt, und man merkt sofort, warum man ihn für diesen Auftakt gewählt hat. Er bringt Gewicht mit. Nicht die aufgeregte, schnelle Energie mancher Fantasy-Sprecher, sondern eine ruhige Autorität, die der komplexen Welt Mandinoriens guttut. Über 25 Stunden und 36 Minuten trägt er drei grundverschiedene Erzählperspektiven und macht dabei nie einen Fehler in der Kontinuität der Figuren.
Eine Welt, die sich selbst zerstört
Was Anthony Ryan hier aufbaut, ist keine Standardfantasy. Mandinorien ist eine Gesellschaft, die ihren Wohlstand vollständig auf eine einzige, endliche Ressource gebaut hat: Drachenblut. Rote Drachen liefern Treibstoff, andere Arten liefern andere übernatürliche Stoffe. Menschen, die dieses Blut konsumieren und zu den sogenannten Blutgesegneten gehören, werden zu Waffen, zu Werkzeugen, zu Vermögenswerten. Ryans Welt ist im Grunde eine Parabel über Kolonialismus und Ressourcenausbeutung, verkleidet im fantastischen Gewand des 19. Jahrhunderts. Und das funktioniert erschreckend gut.
Wer Rezensionen gelesen hat, wird den Vergleich mit Steampunk schon kennen. Er trifft zu, aber er greift zu kurz. Ryan verbindet die technologische Ästhetik der industriellen Revolution mit einem echten magischen System, das logisch konsistent und trotzdem poetisch bleibt. Das Eisenboot-Handelssyndikat, das Corvantinische Kaiserreich, die Blutarenen: All das fühlt sich bewohnt an, nicht konstruiert.
Claydon Torcreek und die Kunst des unzuverlässigen Helden
Der Held, den Ryan uns gibt, ist kein auserwählter Retter. Claydon Torcreek ist ein Dieb. Ein nicht registrierter Blutgesegneter, der genau weiß, dass sein Talent ihn das Leben kosten kann, wenn er die falsche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er wird in die Mission geschickt, einen weißen Drachen zu finden, der vermutlich eine Legende ist, und er glaubt selbst nicht daran, dass das irgendeinen Sinn ergibt. Bierstedt gibt dieser Figur eine trotzige Ironie, die den Hörbuchgenuss erheblich steigert. In den Momenten, in denen Torcreek seine eigene Lage kommentiert, ist echte Wärme spürbar, trotz aller Zynismen.
Neben ihm erzählen noch eine Geheimagentin und ein Kapitän die Geschichte aus ihren jeweiligen Blickwinkeln. Die drei Erzählstränge sind anfangs deutlich getrennt und nähern sich erst mit zunehmender Erzähldauer an. Das erfordert etwas Geduld, zahlt sich aber aus. Besonders die Geheimagentin Hiletha liefert die politisch komplexesten Kapitel des Bandes.
Was 25 Stunden wirklich kosten
Das ist die ehrliche Frage, die ich mir bei jedem epischen Fantasy-Hörbuch stelle: Ist die Länge verdient? Bei Das Erwachen des Feuers lautet die Antwort: meistens ja. Die ersten fünf bis sechs Stunden sind dicht, vielleicht etwas überladen mit Weltenbau-Information. Ryan erklärt viel, und Bierstedt muss viele Namen, Orte und Institutionen einführen. Wer Fantasy-Ersteinsteiger ist, könnte sich hier verloren fühlen.
Ab der Mitte des Hörbuchs aber zieht das Tempo entschieden an. Die Mission ins unerforschte Inland, die Suche nach dem weißen Drachen: Das ist packend im besten Sinne des Wortes. Und Ryan verzichtet auf die Versuchung, alles aufzulösen. Das Ende ist ein Ende, aber es hinterlässt genug offen, um die Fortsetzung zum echten Bedürfnis zu machen, nicht zu einem Pflichtprogramm.
Mit einer Bewertung von 4,4 Sternen bei 728 Rezensionen ist das Hörbuch solide positioniert. Manche Leser, die die Reihe schon als Buch kennen, berichten von einem fantastischen Setting und einem erfrischend unverbrauchten Konzept. Das deckt sich mit meiner eigenen Hörerfahrung.
Für wen ist dieses Hörbuch gemacht?
Für alle, die Fantasy mögen, aber genug haben von mittelalterlichen Pseudo-Europa-Settings und vorhersehbaren Heldenreisen. Das Erwachen des Feuers belohnt geduldige Hörer mit einem Weltenbau, der wirklich etwas zu sagen hat. Für Kurzentschlossene oder Menschen, die einen leichten Einstieg in epische Fantasy suchen, ist der Umfang möglicherweise abschreckend. Wer jedoch bereit ist, sich auf 25 Stunden einzulassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die noch lange nachhallt.