Auf einen Blick
- Narration: Thomas Schmuckert liest die Autobiografie mit kontrollierter Würde — kein aufgesetztes Pathos, kein Zurückhalten des Ergreifenden, das im Text selbst liegt.
- Themen: Holocaust-Überleben, Nachkriegsdeutschland, Versöhnung und Karriere
- Stimmung: Erschütternd und lebensfroh zugleich — ein seltenes Gleichgewicht
- Verdict: Eine Autobiografie, die man kennen sollte, bevor man glaubt, die Geschichte von Hans Rosenthal zu kennen.
Hans Rosenthal kannte ich, wie wahrscheinlich die meisten Menschen meiner Generation, ausschließlich als Moderator. Dieser Mann mit der begeisterten Geste, dem Springen vor Freude, den unzähligen Samstagabenden vor dem Fernseher. Dalli Dalli. Zwei auf einen Streich. Das Gesicht des westdeutschen Unterhaltungsfernsehens der siebziger und achtziger Jahre. Dann habe ich dieses Hörbuch gehört, und ich habe verstanden, wie wenig ich wusste.
Zwei Leben in Deutschland erschien ursprünglich 1980 und wird anlässlich Rosenthals hundertsten Geburtstags in neuer Ausstattung herausgegeben. Es ist eine Autobiografie, die in zwei deutlich verschiedene Teile zerfällt — und dieser Bruch ist kein formales Problem, sondern die eigentliche Aussage des Buches. Es gibt das Leben vor dem Krieg, das Leben während der Verfolgung, und dann das Leben danach, das ein anderes Leben ist, in demselben Land, mit denselben Menschen.
Die erste Hälfte: Was Überleben wirklich bedeutet
Rosenthal verlor seine Eltern früh. Sein jüngerer Bruder Gert wurde deportiert und ermordet — und Rosenthal besteht in dieser Autobiografie ausdrücklich darauf, dass Gert nicht vergessen wird. Das ist kein formaler Hinweis, sondern eine Haltung: Dieser Mann trägt sein Überleben nicht als Triumph, sondern als Schuld und Verpflichtung. Er beschreibt, wie er als Jugendlicher in einem Kleingärtnerschuppen in Berlin versteckt lebte, während um ihn herum die Stadt brannte und die Nachbarn verschwanden. Drei deutsche Frauen retteten ihm das Leben, auf eigene Gefahr, ohne institutionellen Schutz.
Rezensenten haben immer wieder auf die Eindringlichkeit des ersten Teils hingewiesen, und das zu Recht. Es ist spannend in dem Sinne, in dem Überlebensliteratur spannend sein kann: nicht weil man das Ende nicht kennt, sondern weil man bei jedem Moment denkt, dass es hätte anders ausgehen können. Rosenthals Sprache ist direkt, ohne literarische Geste. Er beschreibt, was war. Das ist manchmal mehr als genug.
Die zweite Hälfte: Versöhnung als Karriere
Dann kommt der Bruch. Der Krieg ist vorbei, Rosenthal lebt, und er entscheidet sich, in Deutschland zu bleiben und — mehr noch — das öffentliche Leben dieses Landes aktiv mitzugestalten. Er wird Moderator, wird berühmt, wird geliebt. Eine Rezensentin hat geschrieben, dass man staunt über seine Lebensfreude angesichts dessen, was er durchgemacht hat. Das ist der richtige Satz, auch wenn er noch nicht ganz reicht.
Der zweite Teil ist weniger dicht als der erste, und einige Rezensenten haben das als Schwäche empfunden. Manche Themen werden nur angerissen, die Karrierejahre werden eher skizziert als ausgeleuchtet. Ich lese das anders: Rosenthal hat nicht eine Karriere beschrieben, weil die Karriere der Beweis ist, nicht das Thema. Das eigentliche Thema ist die Frage, wie ein Mensch, der das erlebt hat, was er beschreibt, zurück in die Normalität findet — und ob das möglich ist, ohne das Erlebte zu verleugnen. Seine Antwort ist die zweite Hälfte dieses Buches.
Thomas Schmuckert als Zeuge des Textes
Thomas Schmuckert ist ein Sprecher, den ich in diesem Kontext als Glücksfall empfinde. Er liest die Autobiografie ohne das Pathos, das eine Versuchung wäre — besonders in den Passagen über Deportation, Versteck, Bruder. Er liest, als ob er referiert, und diese Sachlichkeit lässt den Text selbst arbeiten. Rosenthals eigene Stimme, auch wenn sie nicht physisch anwesend ist, bleibt durch Schmuckerts Zurückhaltung hörbar. Das ist die richtige Entscheidung.
Bei zehn Stunden und dreiundzwanzig Minuten Laufzeit gibt es keine Ermüdungserscheinungen, keine Abflachung. Schmuckert differenziert zwischen den emotionalen Registern der beiden Hälften subtil genug, dass der Übergang nicht als dramatische Zäsur wirkt, sondern als das, was er ist: das Ende eines Lebens und der Beginn eines anderen.
Wer dieses Hörbuch hören sollte
Wer Hans Rosenthal nur als Fernsehgesicht kennt, hat hier eine Möglichkeit, einen Menschen kennenzulernen. Wer mehr über das Überleben in Berlin während des Nationalsozialismus erfahren möchte, findet hier ein unmittelbares Zeugnis. Wer Schwierigkeiten hat, die schiere Menge an Holocaust-Literatur zu navigieren, findet in dieser Autobiografie einen persönlichen und präzisen Einstieg.
Wer eine vollständige Kulturgeschichte des deutschen Nachkriegsfernsehens erwartet, liegt falsch. Die Karriere bleibt Hintergrund. Im Zentrum steht, was davor war. Und das genügt völlig.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel Raum nimmt die Holocaust-Erfahrung gegenüber der Karriere als Moderator ein?
Der erste Teil der Autobiografie ist deutlich ausführlicher und intensiver als der zweite. Rosenthal widmet dem Überleben, dem Tod des Bruders und den drei Frauen, die ihn retteten, weit mehr Raum als seiner späteren Karriere. Rezensenten beschreiben die zweite Hälfte als stellenweise knapper und weniger ausgearbeitet.
Ist das Hörbuch auch für jüngere Zuhörer geeignet, die Rosenthal nicht als Moderator kennen?
Ja, und möglicherweise sogar besonders für sie. Das Hörbuch setzt kein Vorwissen über Rosenthals Fernsehkarriere voraus. Wer ihn nicht kennt, begegnet der Biografie eines Überlebenden — und entdeckt die Karriere als Konsequenz, nicht als Ausgangspunkt.
Warum erscheint dieses Buch jetzt neu, zum hundertsten Geburtstag?
Hans Rosenthal wurde 1925 geboren und verstarb 1987. Die Neuausgabe ist ein Jubiläumsband zum hundertsten Geburtstag 2025. Einige Rezensenten hätten sich ein aktualisiertes Nachwort gewünscht, das das weitere Schicksal der im Buch genannten Personen nachzeichnet — das fehlt in der vorliegenden Ausgabe.
Empfiehlt sich das Hörbuch gegenüber der gedruckten Version?
Thomas Schmuckerts nüchterne, respektvolle Lesung ist ein echter Mehrwert. Gerade bei Autobiografien, die auf persönlichem Zeugnis beruhen, kann eine gut gewählte Sprecherstimme das Zuhören zu einer anderen Erfahrung machen als das Lesen. Die Laufzeit von über zehn Stunden eignet sich gut für mehrtägige Hörsessions auf dem Weg zur Arbeit oder am Wochenende.