Auf einen Blick
- Sprecherin: Simon Jäger verleiht dem vielstimmigen Bob-Kollektiv erstaunliche Lebendigkeit — er hält die einzelnen Replikate klar auseinander, ohne ins Karikaturhafte zu verfallen.
- Themen: Identität und Selbstvervielfältigung, Erstkontakt mit fremden Spezies, Verantwortung der Unsterblichkeit
- Stimmung: Leicht, witzig und kosmisch zugleich
- Fazit: Wer den ersten Band mochte, findet hier mehr von allem — und wer ihn nicht kennt, sollte dort anfangen.
Es war ein grauer Sonntagabend, und ich hatte eigentlich vor, früh schlafen zu gehen. Dann fing ich Wir sind Götter an — und drei Stunden später war es Mitternacht. Das ist die Art von Hörbuch, bei dem man merkt, dass Unterhaltung keine Entschuldigung braucht.
Dennis E. Taylors zweiter Bobiverse-Band setzt genau dort an, wo Ich bin viele aufgehört hat: im Kopf einer KI, die einst Bob Johansson war und jetzt als Flotte von Neumann-Sonden durch das Weltall treibt. Tausende Kopien, jede leicht anders als das Original, jede mit einem eigenen Bewusstsein, das sich fragt, was es eigentlich bedeutet, Bob zu sein. Das klingt nach schwerem philosophischem Stoff — ist es aber nicht. Oder zumindest nicht auf eine Weise, die je lästig wird.
Die Frage, wer Bob eigentlich noch ist
Was Taylor in diesem Band weiterdenkt, ist das Paradox der Identität unter Vervielfältigung. Riker kämpft gegen die terroristische Gruppe VEHEMENT, Howard verliebt sich in eine Frau auf dem Kolonieplaneten Vulkan, und Bob-1 treibt irgendwo ins Unbekannte. Sie sind alle Bob. Sie sind es alle nicht mehr. Diese Spannung zieht sich durch jeden Handlungsstrang, ohne dass Taylor je mit erhobenem Zeigefinger darauf hinweist. Man spürt sie einfach — in den kleinen Momenten, in denen zwei Bobs miteinander kommunizieren und dabei reden wie Fremde, die sich gut kennen.
Einer der Rezensenten schreibt, er habe beide Bücher innerhalb kürzester Zeit gelesen und danach sofort den dritten Band bestellt. Ich verstehe das vollkommen. Es gibt eine Leichtigkeit in Taylors Prosa, die täuscht: Hinter den Witzen und popkulturellen Referenzen steckt eine sorgfältige Konstruktion von Welt und Figuren, die man nicht sofort sieht, aber deutlich spürt.
Das primitive Volk und das Götter-Dilemma
Einer der interessantesten Erzählstränge in diesem Band dreht sich um die Deltas — ein primitives Alien-Volk, das Bob und seine Replikate als Götter verehrt. Das ist natürlich kein neues Thema in der Science-Fiction, aber Taylor behandelt es mit einer Mischung aus Zuneigung und echtem moralischen Ernst. Wie viel darf man eingreifen? Ab wann wird Fürsorge zu Bevormundung? Die Bobs streiten darüber — und die Tatsache, dass verschiedene Kopien zu verschiedenen Schlüssen kommen, macht die Debatte besonders reich.
Etwas weniger überzeugend fand ich die langen Strecken, in denen es um die technischen Details der feindlichen Spezies geht, die die Erde bedroht. Ein Rezensent spricht von den « endlos wirkenden technischen und physikalischen Erklärungen in der Mitte », und da hat er nicht ganz unrecht. Das ist der Teil, in dem Taylors Ingenieurshintergrund durchscheint — manchmal faszinierend, manchmal ein Tick zu ausführlich.
Wie Simon Jäger zehn Bobs zu zehn Personen macht
Simon Jägers Leistung ist bemerkenswert. Er spielt nicht einen Bob mit leichten Variationen, sondern gibt jedem Replikat eine spürbar eigene Energie — Riker klingt abgeklärter, Howard weicher, Bob-1 etwas verlorener. Das ist schwieriger, als es klingt, und Jäger schafft es, ohne je ins Theatralische zu kippen. Seine Stimme hat die richtige Mischung aus Wärme und trockener Ironie, die Taylors Humor trägt. Wo andere Sprecher solche Science-Fiction-Texte mit zu viel Gewicht versehen würden, bleibt Jäger leicht — und das ist genau richtig.
Mit 10 Stunden und 35 Minuten ist das Hörbuch angenehm kompakt. Kein Füllmaterial, keine Längen um der Länge willen. Wer bereit ist, danach direkt Band drei zu starten, sollte das einplanen.
Wer sollte zuhören — und wer lieber nicht
Wer Bobiverse bereits kennt und liebt, bekommt hier mehr von dem, was den ersten Band so lesenswert gemacht hat. Wer Science-Fiction mag, aber lieber Character-driven als Technikfokus bevorzugt, wird hier ebenfalls glücklich. Hartgesottene Hard-SF-Fans, die auf korrekte Physik bestehen, werden die Leichtigkeit des Tons vielleicht als zu spielerisch empfinden. Und wer mit Band 1 noch nicht angefangen hat: bitte dort starten, dieser Band setzt die Kenntnis der Figuren voraus.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich den ersten Bobiverse-Band kennen, bevor ich Wir sind Götter höre?
Ja, unbedingt. Wir sind Götter setzt direkt nach den Ereignissen von Ich bin viele an und erklärt die Ausgangssituation nicht neu. Ohne Kenntnis des ersten Bandes fehlen die emotionalen Bezüge zu den einzelnen Bob-Replikaten.
Ist Simon Jägers Sprechleistung auch für Hörer geeignet, die Science-Fiction sonst eher meiden?
Ja. Jäger trifft genau den leichten, humorvollen Ton der Vorlage, ohne den Text zu überdramatisieren. Wer eher Unterhaltungsromane hört, wird sich hier wohlfühlen.
Endet das Hörbuch mit einem befriedigenden Abschluss oder auf einem Cliffhanger?
Auf einem offenen Ende, das klar auf Band drei verweist. Wer abgeschlossene Geschichten bevorzugt, sollte die Trilogie als Ganzes einplanen.
Wie stark ist der Humor in diesem Band — dominiert er die Geschichte oder ist er eher ein Beigeschmack?
Er ist ein fester Bestandteil der Erzählstimme, kein Gimmick. Taylor schreibt mit einem wachen, selbstironischen Witz, der in jedem Kapitel präsent ist — aber er kippt nie ins Klamaukige.