Wie der Soldat das Grammophon repariert
Hörbuch & E-Book

Wie der Soldat das Grammophon repariert, by Saša Stanišić

Von Saša Stanišić

Gesprochen von Saša Stanišić

★★★★☆ 4.2/5 (418 Bewertungen)
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Über dieses Hörbuch

1LIVE KLUBBING Hörbuchedition

Aleksander wächst in der kleinen bosnischen Stadt Višegrad auf. Als der Krieg über Višegrad hereinbricht und die Familie fliehen muss, erweist sich Aleksanders Fabulierlust als ungemein nützlich: Rastlos neugierig erobert er sich diesen merkwürdigen Ort namens Deutschland, und mit unbändiger Lust erzählt er die irrwitzigen Geschichten von damals.

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Auf einen Blick

  • Narration: Stanišić liest sein eigenes Debüt mit leichtem Akzent und unaufdringlicher Wärme — der Ton eines Erzählers, der weiß, dass die Geschichte für sich sprechen kann.
  • Themen: Kriegskindheit und Vertreibung, Fabulierlust als Überlebensstrategie, Ankommen in der Fremde
  • Stimmung: Melancholisch und märchenhaft zugleich, mit blitzenden komischen Momenten
  • Fazit: Wer literarisch geprägtes Erzählen schätzt und mit fragmentierten Strukturen umgehen kann, findet hier ein Hörerlebnis der besonderen Art — als Buch aber vielleicht noch eindringlicher.

Es war ein Dienstagabend, und ich wollte eigentlich früh ins Bett. Dann legte ich die ersten zehn Minuten von Saša Stanišićs Selbstlesung ein — und blieb sitzen. Nicht weil der Plot mich nicht losließ, sondern weil die Sprache selbst einen festhält: ein Fluss aus Bildern, Witzen, Schmerz, der sich um den kleinen Aleksander herum dreht wie ein Strudel, der nichts wirklich festhalten will, aber alles aufnimmt.

Stanišićs Debütroman aus dem Jahr 2006, ursprünglich für den deutschen Buchmarkt geschrieben, ist kein Kriegsbuch im gewöhnlichen Sinn. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in Višegrad aufwächst, der Bosnienkrieg bricht herein, die Familie flieht — und was bleibt, ist das Erzählen selbst. Als wäre die Sprache das einzige Haus, das man mitnehmen kann.

Wenn der Autor selbst zur Stimme wird

Stanišić liest mit einem leichten Akzent, der zur Geschichte passt wie Tinte zu Papier. Er dramatisiert nicht, er zwingt nichts. Sein Rhythmus folgt dem Text — und der Text ist reich an Pausen, an absurden Zwischentönen, an Momenten, in denen Komik und Trauer auf derselben Silbe treffen. Eine Rezension auf der Plattform bemerkt treffend, dass der Autor « flüssig mit nettem, aber nicht nervigem Akzent » liest, der zu den Geschichten « durchaus passt ». Das ist präzise beobachtet.

Es gibt allerdings eine ehrliche Einschränkung, die auch ich nach dem Hören teile: Stanišićs Prosa lebt von Wortspielereien, von visuellen Brüchen auf der Seite, von einer Dichte, die das Auge anders aufnimmt als das Ohr. Ein Hörer schreibt: « die Geschichten wären besser zu lesen als zu hören ». Ich würde das nicht als Kritik am Hörbuch verstehen, sondern als Hinweis auf die Natur des Materials. Wer Stanišić noch nicht kennt, greift vielleicht besser zuerst zum Buch. Wer ihn bereits kennt, erlebt hier eine zusätzliche Dimension — die Stimme des Autors als Kommentar zur eigenen Kindheit.

Die Fabulierlust als Heimat

Aleksanders Welt in Višegrad ist seltsam und lebendig: Großvater Slavko, das Grammophon, die merkwürdige Frau Paulina — all das entfaltet sich in kurzen, manchmal traumartigen Episoden, die nicht linear funktionieren wollen. Als die Familie flieht, verlagert sich das Buch nach Deutschland, und Aleksander entdeckt, dass Neugier und Erzähllust ihn durch das Fremde tragen. Die Sprache wird zur Strategie. Oder, wie es ein begeisterter Leser formuliert: « Seine Art, Geschehnisse so zu erzählen, dass sie Wirklichkeit werden, macht dieses Buch zu einem sehr schönen Leseerlebnis. »

Stanišić gehört zu jenen Autoren — man denkt an W.G. Sebald oder Emine Sevgi Özdamar — die Geschichte nicht durch Faktendichte, sondern durch Bildakkumulation erfahrbar machen. Das ist nichts für Hörerinnen und Hörer, die einen klaren Handlungsbogen erwarten. Aber für alle, die sich treiben lassen können, entsteht hier etwas Eigenartiges: das Gefühl, einer Kindheit beim Erinnern zuzusehen.

Ein Debüt, das den Hörenden fordert

Mit knapp fünf Stunden ist dieses Hörbuch kompakt, aber es ist kein leichtes Hören. Die Episodenhaftigkeit, der schnelle Tonwechsel zwischen Witz und Erschütterung — das verlangt Konzentration. Wer es an einem Abend durchhört, wie ich es tat, merkt am Ende, dass der Kopf voller Bilder ist, die sich nicht ordnen lassen. Das ist kein Mangel. Das ist das Ziel.

Bemerkenswert ist auch, was das Hörbuch nicht ist: kein sentimentales Vertriebenheitsnarrativ, keine Heldenreise, keine Versöhnungsgeschichte. Stanišić lässt die Wunden offen und die Witze intakt. Beides gleichzeitig — das ist das eigentliche Kunststück.

Wer sollte zuhören, wer besser lesen

Dieses Hörbuch empfehle ich wärmstens Hörerinnen, die mit literarischer Prosa vertraut sind, die Wertung « nichts passiert » nicht als Schwäche lesen, und die gerne Autorenlesungen mögen — weil der Klang einer Stimme dem Text eine zusätzliche Ebene gibt. Wer einen spannungsgetriebenen Plot erwartet oder wenig Erfahrung mit fragmentiertem Erzählen hat, wird sich schwertun. Und wer Stanišićs Sprache auf allen Ebenen erleben will, greift zusätzlich zum gedruckten Buch — die visuelle Dimension fehlt im Audio tatsächlich.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich den Roman vorher gelesen haben, um das Hörbuch zu genießen?

Nein — das Hörbuch ist ohne Vorkenntnisse zugänglich. Allerdings lohnt sich danach ein Blick ins Buch, weil Stanišićs Sprache visuell so dicht ist, dass man im Gelesenen oft mehr entdeckt als im Gehörten.

Stört der Akzent von Stanišić beim Hören?

Nach Rezensionenlage und eigener Einschätzung: nein. Der leichte Akzent wirkt natürlich und passt zur autobiografisch geprägten Geschichte. Er klingt nach dem, der er ist — nicht nach einem Profisprecher, der ihn imitiert.

Ist das wirklich ein Krimi-Thriller, wie das Genre andeutet?

Nein. Die Genrezuordnung auf der Plattform ist irreführend. « Wie der Soldat das Grammophon repariert » ist literarische Belletristik — episodisch, bildreich, mit starker Autorenhandschrift. Keine Krimihandlung, keine Thriller-Spannung.

Ist das Hörbuch mit knapp fünf Stunden gut dosiert oder wirkt es gehetzt?

Die Laufzeit entspricht einer angepassten Fassung (die 1LIVE Klubbing Hörbuchedition deutet auf eine Selektion hin). Das Tempo ist dicht, aber nicht gehetzt — eher wie eine konzentrierte Lesereise durch ausgewählte Momente des Romans.

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Lena Bergmann

Von Lena Bergmann

Gründerin & Literaturkritikerin