Auf einen Blick
- Narration: Hans Jürgen Stockerl liest mit warmem Allgäuer Lokalton – charakterstark ohne Klischeefalle.
- Themen: Baulöwe vs. Dorfgemeinschaft, Ermittlung auf eigene Faust, Natur als Erzählraum
- Stimmung: Kurzweilig und entspannt, mit echtem Regionalkolorit
- Fazit: Wer Kommissar-Konventionen plus Allgäu-Atmosphäre sucht, liegt richtig – wer harte Thrillerspannung erwartet, liegt falsch.
Schussfahrt kam mir in die Hände an einem langen Sonntagvormittag, an dem ich nichts Anstrengendes wollte. Ich weiß noch, wie ich die Küche aufgeräumt habe, während Gunzesried im Allgäu auf meinen Kopfhörern langsam zum Leben erwachte – der Bauspekulation, der Dorfpolitik, dem toten Baulöwen Rümmele. Nicola Förg ist eine Autorin, die ich in diesem Kontext schätze: Sie macht keine Versprechen, die das Genre nicht halten kann, und sie macht keine Kompromisse mit dem Lokalkolorit.
Das Allgäu ist in diesem Buch kein Dekor, sondern eine Haltung. Förg schreibt über eine Region, die sie kennt, und über die Konflikte, die entstehen, wenn Kapital in Naturidylle einbricht. Der Freizeitkomplex, den Rümmele errichten will, spaltet die Gemeinde – Einnahmen gegen Natur – und das ist kein konstruierter Krimi-Anlass, sondern eine reale gesellschaftliche Reibung, die in vielen Alpengemeinden stattfindet. Das gibt dem Buch eine Bodenhaftung, die generische Thriller oft nicht haben.
Das Jo-Problem – oder: Was manche nervt und andere schätzen
Die eigentliche Hauptfigur des Buchs ist nicht Kommissar Weinzirl, sondern seine Freundin Jo, die auf eigene Faust ermittelt. Das ist eine Konstruktion, die in der Gattung bekannt ist – und die eine klare Spaltung erzeugt. Eine Rezensentin nennt Jo « anstrengend » und wirft ihr vor, sich ungebeten in polizeiliche Ermittlungen einzumischen und sich dabei unklug zu verhalten. Das ist ein fairer Einwand. Schreibt Förg Jo als fehlerfreie Heldin? Nein. Schreibt sie sie als menschliche, manchmal impulsive Figur, die trotzdem Ergebnisse liefert? Ja.
Ob man das als Schwäche oder als Stärke liest, hängt vom Erwartungshorizont ab. Wer Krimipersonal aus Skandinavien-Thriller-Schule gewöhnt ist – komplex, traumatisiert, methodisch – wird Jo möglicherweise zu leicht finden. Wer einen zugänglichen Charakter sucht, mit dem man eine kurze Sechstundef-Stunden-Reise durch das Allgäu verbringen kann, findet in ihr eine funktionierende Begleiterin.
Hans Jürgen Stockerls Lesestil und der Klang des Allgäus
Stockerl hat eine Stimme, die dem Text entgegenkommt: warm, geerdet, ohne Dramatisierungsdrang. Er liest dieses Buch so, wie man es im besten Fall hören möchte – wie jemand, der die Region kennt und die Figuren mag, ohne sie zu beschützen. Die Allgäuer Einsprengsel in der Sprache – kleine Eigenheiten, Ortsbeschreibungen, regionale Charaktere – transportiert er ohne zu übertreiben. Ein wichtiger Unterschied: Er karikiert nicht. Er lässt den Text seine eigene Atmosphäre setzen.
Bei gut sechs Stunden Laufzeit ist das eine überschaubare Investition. Das Buch ist der erste Band der Kommissar-Weinzirl-Reihe; wer einsteigt, wird wahrscheinlich weiterhören wollen – was erklärt, warum treue Leser oft mehrere Bände gelesen haben und nach wie vor zurückkehren.
Was das Buch ehrlich gesagt nicht ist
Ein Rezensent bezeichnet Schussfahrt als « Mischung aus der Brigitte und Krimi », und das ist weder falsch noch abwertend gemeint, sondern beschreibend. Das Buch enthält Gefühlsleben, Beziehungsdynamiken und Alltagsbeobachtungen neben dem Kriminalfall. Wer ausschließlich plot-getriebene Spannung sucht, wird das als Ballast empfinden. Wer regionalen Krimi mit Atmosphäre und menschlichen Zwischentönen sucht, wird es als Mehrwert verstehen.
Nicola Förg ist keine Autorin, die überrascht. Sie ist eine Autorin, die zuverlässig liefert, was sie verspricht. In einem Markt, der mit falsch vermarkteten Thrillern gesättigt ist, ist das keine kleine Leistung. Schussfahrt ist kein Buch, über das man lange reden wird – aber es ist eines, das man gerne gehört hat.
Häufig gestellte Fragen
Muss man die Kommissar-Weinzirl-Reihe von Anfang an hören, oder kann man mit Schussfahrt einsteigen?
Schussfahrt ist der erste Band der Reihe, also der richtige Einstiegspunkt. Die Figuren werden eingeführt, Vorkenntnisse sind nicht nötig.
Ist das Buch für Hörerinnen geeignet, die keinen Bezug zum Allgäu haben?
Ja. Das Lokalkolorit ist eine Stärke des Buchs, kein Ausschlusskriterium. Förg erklärt die regionale Dynamik so, dass sie auch ohne persönliche Kenntnis der Region zugänglich ist.
Wie brutal oder explizit ist das Buch in seiner Darstellung von Gewalt?
Gar nicht. Mehrere Rezensenten betonen explizit, dass Schussfahrt kein Blutkrimi ist und keine Gewaltorgien enthält. Es ist ein unterhaltender, milder Regionalkrimi – geeignet für Menschen, die nach einem entspannenden Krimi ohne extremen Inhalt suchen.
Was ist der Hauptunterschied zwischen Förgs Weinzirl-Reihe und ihrer bekannteren Irmi-Trilogie?
Die Weinzirl-Reihe dreht sich stärker um die Figur Jos, Weinzirls Freundin, die auf eigene Faust ermittelt. Die Irmi-Reihe hat eine weibliche Protagonistin im Zentrum. Rezensenten geben an, dass Irmi etwas mehr Frauenpublikum mittleren Alters anspreche, aber beide Reihen teilen das Allgäuer Ambiente und den leichten Ton.