Auf einen Blick
- Narration: Johanna Zehendner liest ruhig und klar, trägt den Ruhrpott-Realismus ohne falsche Nostalgie — solide, wenn auch nicht markant.
- Themes: Wirtschaftswunderzeit, Klassenaufstieg, familiäre Spannungen
- Mood: Warm und geerdet, mit brüchigen Momenten
- Verdict: Ein ehrlicher Familienroman aus dem Ruhrgebiet der 1960er, der dann und wann zu dick auftargt, aber mit echter Substanz.
Ich hatte „Alles auf Anfang“ schon länger auf meiner Liste. Familienromane aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die im Milieu der Arbeiterklasse spielen, sind in der deutschsprachigen Belletristik dünn gesät. Acht Stunden für eine Geschichte, die 1964 in Bergborn beginnt und eine Familie durch den Aufschwung und seine Schattenseiten begleitet, das klang nach genau dem, was ich an einem längeren Wochenende hören wollte. Ich habe es an zwei Abenden durch.
„Alles auf Anfang“ ist der Roman von Volker Ferkau, der Bergmann Frank Wille und seine Familie im Deutschland des Wirtschaftswunders begleitet. Frank ist ehemaliger Fremdenlegionär, arbeitet auf der Zeche Kruse / Konstanzia, und träumt gemeinsam mit seiner Frau Lotte von einem eigenen Heim, einem Garten, getrennten Zimmern für die Kinder Thomas und Ottilie, einer eigenen Toilette. Diese Wünsche sind so konkret und so menschlich, dass man sich sofort verortet fühlt. Dann kommen die Probleme: ein Steiger, der es auf Franks türkische Kollegen abgesehen hat, eine Tochter, die beginnt, sich selbst zu verletzen, und Intrigen aus der eigenen Familie.
Ein Ruhrgebiet, das man hört
Was Ferkau am besten gelingt, ist das Milieuzei chnen. Die Zeche, die Zechenwohnungen, der Geruch von Kohle und Sonntag, das klingt nie wie recherchierte Kulisse, sondern wie gelebter Raum. Die Rezensenten, die schreiben, sie hätten sich in ihre eigene Kindheit zurückversetzt gefühlt, sagen damit etwas Wesentliches: Ferkau kennt dieses Leben, weil Teile davon seiner eigenen Biografie entstammen. Der Roman trägt das Label nach teilweise biographischen Erlebnissen und man spürt das in den Details.
Thomas’ Entwicklung vom verprügelten Schlaksigen zum Jugendlichen, der Blues hört und von seinem Vater das Aufbegehren lernt, ist der stärkste Erzählfaden. Da ist Wärme und Genauigkeit. Ottilies Geschichte, das Ritzen, in einer Zeit, in der das in der Medizin nahezu unbekannt war, ist mutiger als man bei einem Roman dieses Genres erwartet, und wird nicht reißerisch behandelt.
Wenn der Autor zu dick auflegt
Ich kann die Kritik, die sich an bestimmten Szenen reibt, nicht völlig beiseitelegen. Das zufällige Treffen mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Thorwald Proll, eine verrauchte Episode irgendwo im Dunst der Studentenbewegung, sowie eine Pokerrunde mit Barschel, Kohl und Ludwig Erhard, diese Einlagen wirken wie Name-Dropping, das dem Roman schadet. Sie klingen nicht nach Erinnerung, sondern nach erzählerischer Effekthascherei, und sie unterbrechen den ruhigen Rhythmus, der die Geschichte bis dahin trägt.
Ähnliches gilt für einzelne Figuren, die zu klar geschnitzte Typen sind. Der rassistische Steiger zum Beispiel ist funktional, aber nicht komplex. Das macht ihn zum Instrument der Handlung, nicht zu einem Menschen im Roman. Für eine Geschichte, die sonst so viel Sorgfalt auf ihre Hauptfiguren verwendet, fällt das auf.
Johanna Zehendner und der Klang dieser Zeit
Zehendner liest ruhig und ohne Pathos, was zur Stimmung des Romans gut passt. Sie differenziert die Stimmen der Figuren dezent. Frank klingt geerdet, Thomas jugendlich-suchend. Was ich vermisse, ist eine gelegentliche Spur Wärme in den lyrischeren Passagen, die im Text vorhanden ist, in der Lesung aber manchmal etwas glatt klingt. Das ist eine kleine Einschränkung bei einem ansonsten soliden Einsatz.
Wer Familienromane aus der frühen Bundesrepublik schätzt, die nicht verklaren, sondern zeigen, die Hoffnungen, die Entbehrungen, die Vergangenheit, die im Hintergrund immer noch drückt, wird hier gut aufgehoben sein. Wer vor allem literarische Präzision in jedem Einzelaspekt erwartet, wird an den dünneren Stellen stolpern. Aber die stärkeren Passagen überwiegen deutlich.
Wer hören sollte, wer nicht
Empfehlenswert für Fans von Familienromanen im Stil der Nachkriegs- und Aufbruchszeit, für Hörer, die das Ruhrgebiet kennen oder kennenlernen wollen, und für alle, die an echter Biografie interessierter Prosa Freude haben. Weniger geeignet für Hörer, die straffe Kriminalhandlung erwarten, die Genrebezeichnung im System ist hier irreführend, oder vollständige literarische Konsistenz ohne Brüche.
Häufig gestellte Fragen
Handelt es sich bei „Alles auf Anfang“ wirklich um einen Krimi?
Die Genreeinstufung ist hier irreführend. Der Roman ist ein Familienroman, der im Ruhrgebiet der 1960er Jahre spielt und autobiografische Züge trägt. Kriminalistische Spannung ist kein Schwerpunkt, wer gezielt einen Krimi sucht, wird enttäuscht sein.
Kann man das Hörbuch ohne Kenntnis der anderen Ferkau-Bände hören?
Ja. „Alles auf Anfang“ ist der erste Band der Familie-Wille-Trilogie und funktioniert als eigenständige Geschichte. Die anderen Bände setzen die Geschichte fort, sind aber keine Voraussetzung.
Wie realistisch sind die historischen Begegnungen mit Baader, Kohl und Barschel im Roman?
Mehrere Rezensenten und auch meine eigene Lektüre legen nahe: diese Szenen wirken konstruiert. Sie stören den Rhythmus des ansonsten erdgebundenen Familienromans und werden von manchen als das schwächste Element des Buches benannt.
Wie geht der Roman mit Ottilies Selbstverletzung um?
Ferkau behandelt dieses Thema erstaunlich sensibel für einen Roman, der in einer Zeit spielt, in der Selbstverletzung medizinisch kaum bekannt war. Es gibt keine Voyeuristik, kein Reißerisches, das Thema wird als Teil eines Familienbildes eingebettet, das nicht vereinfacht.