Auf einen Blick
- Sprecher: Josef Vossenkuhl liest sachlich und ohne reißerische Effekte, was dem schweren Stoff die nötige Würde gibt und die analytische Haltung Harborts unterstützt.
- Themen: Kindliche Täter und ihre Motive, soziales Umfeld als Faktor, Versagen von Schutzinstanzen
- Stimmung: Beklemmend ruhig, nüchtern-erschütternd, ohne Sensationslust
- Fazit: Ein anspruchsvolles, schonungsloses Sachbuch für alle, die verstehen wollen, nicht nur erschaudern.
Ich habe dieses Hörbuch nicht abends gehört. Ich habe bewusst damit gewartet, bis ich tagsüber Zeit hatte, aufmerksam zuhören zu können, und trotzdem musste ich nach dem dritten Fall pausieren. Nicht wegen schlechter Qualität, sondern weil Stephan Harbort in « Wenn Kinder töten » Material vorlegt, das Zeit zum Verarbeiten braucht. Ein neunjähriges Mädchen, das eine Klassenkameradin nach einem Streit ersticht. Ein Elfjähriger, der auf Geheiß des Vaters eine alte Frau tötet. Fälle, die die eigenen Kategorien von Verstehbarem und Unvorstellbarem verschieben.
Harbort ist Deutschlands bekanntester Serienmordexperte, und dieser Ruf verpflichtet offenbar. Er schreibt und analysiert nicht für ein Publikum, das Gänsehaut sucht. Er schreibt für Menschen, die begreifen wollen, wie solche Taten entstehen. Das unterscheidet dieses Buch von großen Teilen des True-Crime-Genres, das in den letzten Jahren inflationär geworden ist.
Wie man über kindliche Täter schreiben kann, ohne sie zu dämonisieren
Das Schwierigste an einem Buch wie diesem ist der Ton. Harbort gelingt etwas, das vielen Autoren in diesem Bereich misslingt: Er beschreibt Taten in ihrer ganzen Brutalität, ohne die Täter zu Monstern zu stilisieren oder ihre Verantwortung wegzuerklären. Eine Rezensentin fasst das präzise zusammen: Der Wechsel zwischen sachlichem Bericht und wörtlichen Aussagen der Kinder zu ihren Taten mache das Buch so lesenswert. Harbort lässt die Kinder sprechen, im Protokoll-Ton der Verhöre und in direkten Zitaten, und diese Stimmen sind das Beunruhigendste an dem Buch. Nicht weil sie monsterhaft klingen, sondern weil sie so gewöhnlich klingen.
Josef Vossenkuhl liest dieses Material mit einer Haltung, die ich als größte Leistung dieser Produktion betrachte. Er macht keine Effekte. Er hebt nicht die Stimme, wenn ein Fall besonders schlimm ist. Er liest den Text, wie man einen medizinischen Bericht liest: genau, ruhig, mit Respekt vor dem Inhalt. Das ist die einzig richtige Entscheidung für dieses Material, und sie ist nicht selbstverständlich.
Was das Buch über das soziale Umfeld sagt
Ein wesentlicher Teil von Harborts Analyse gilt nicht den Taten selbst, sondern den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Vernachlässigung, psychische Erkrankung der Eltern, Versagen staatlicher Stellen. Er vermeidet dabei das, was man politisch korrekte Täterentschuldigung nennen könnte, aber er macht auch deutlich, dass kindliche Täter selten aus dem Nichts entstehen. Ein Rezensent schreibt, er habe das Buch gelesen, weil er Tötungsdelikte durch Kinder in der Tagespresse verstehen wollte und dabei festgestellt habe, dass kaum Literatur dazu verfügbar sei. Harbort schließt genau diese Lücke.
Wichtig zu wissen: Das Hörbuch ist eine Audible-Exklusivproduktion und damit nur dort verfügbar. Mit einer Laufzeit von sieben Stunden und zweiundzwanzig Minuten ist es kein Gelegenheitshörbuch, aber auch kein unangemessen langes. Harbort verliert sich nicht in Details, und Vossenkuhl liest in einem Tempo, das Aufmerksamkeit fordert, aber nicht erschöpft.
Für wen dieses Hörbuch geeignet ist und für wen nicht
Wer True Crime als spannende Unterhaltung hört und Action erwartet, ist hier falsch. « Wenn Kinder töten » ist Sachbuch im besten Sinne: analytisch, fundiert, unangenehm. Es ist für Menschen, die Fragen stellen wollen, nicht für Menschen, die erschaudert werden möchten. Wer das unterscheiden kann und bereit ist, sich mit Kindern als Tätern auseinanderzusetzen, ohne das zu vereinfachen, wird sieben der informativsten und erschütterndsten Hörstunden im deutschsprachigen True-Crime-Bereich finden.