Auf einen Blick
- Sprecher: Katja Sallay trifft den Ton der jungen Protagonistin Mailin mit einer Wärme und Energie, die dem epischen Erzählrhythmus von Jennifer Benkau gerecht wird.
- Themen: Königreich und Schicksal, Identität in einer fremden Welt, verbotene Anziehung
- Stimmung: Atemberaubend und herzzerreißend, mit einer Dichte, die nicht loslässt
- Fazit: Wer YA-Fantasy mit emotionaler Tiefe mag und sich von Selection oder Tribute von Panem angesprochen fühlt, wird hier wochenlang beschäftigt sein.
Es gibt Hörbücher, die man an einem Wochenende angeht, weil man denkt, man wird zwischendurch auch noch andere Dinge tun. Dann gibt es solche wie « Von Sternen gekrönt ». Ich habe den ersten Band der One-True-Queen-Reihe an einem langen Samstag angefangen und bin erst sonntagabends wieder aufgetaucht. 15 Stunden und 13 Minuten. Ich bereue nichts.
Jennifer Benkau ist in der deutschsprachigen YA-Fantasy keine Unbekannte, aber mit dieser Reihe hat sie nochmals zugelegt. Der Einstieg ist unvermittelt: Dunkelheit, das Gefühl zu fallen, dann: nichts. Die Teenagerin Mailin wacht in einem Königreich auf, das Lyaskye heißt und in dem Königinnen jung sterben. Das ist die Grundformel. Aber was Benkau daraus macht, ist mehr als die Summe dieser Teile.
Lyaskye und die tödliche Krone
Das Königreich, in das Mailin katapultiert wird, ist kein freundlicher Ort. In dieser Welt ist die Krone kein Symbol von Macht, sondern ein Todesurteil. Jede Königin stirbt jung. Mailin soll die nächste sein. Benkau baut diese Prämisse mit Geduld auf und verzichtet darauf, alle Fragen sofort zu beantworten. Man merkt beim Hören, dass die Autorin ihr Worldbuilding nicht als Dekorat, sondern als strukturelles Element versteht. Lyaskye fühlt sich lebendig und gefährlich an, fremd und zugleich mit einer seltsamen emotionalen Logik ausgestattet, die man am besten in dem Zitat versteht, das eine Rezensentin hervorhebt: « Lyaskye spinnt sie ein, sodass die Angst sich gehalten fühlt, die Einsamkeit getröstet, jeder Schmerz gelindert. » Das ist kein Zufall der Formulierung. Das ist eine Autorin, die weiß, was sie tut.
Der mysteriöse Fremde, der Mailin rettet und bewacht ohne seinen Namen preiszugeben, ist eine Figur, die das Klischee des gefährlichen Beschützers kennt und es trotzdem mit Spannung füllt. Die Auflösung, wer er ist und warum er Mailin begleitet, kommt nicht sofort. Benkau versteht es, dieses Wissen zurückzuhalten, ohne es aufzustauchen zu lassen.
Katja Sallay zwischen Angst und Aufbruch
Katja Sallay spricht Mailin mit einer Stimme, die Jugend und Orientierungslosigkeit transportiert, ohne ins Kindliche zu kippen. Das ist bei YA-Stoffen die eigentliche Herausforderung: zu jung klingt naiv, zu reif verfehlt die emotionale Wahrheit der Figur. Sallay trifft diese Balance gut. Wenn Mailin in Lyaskye zwischen Vertrauen und Misstrauen schwankt, zwischen der Sehnsucht nach Verstehen und der Angst vor dem, was sie versteht, dann ist das in Sallays Interpretation hörbar. Sie lässt die Passagen atmen, die Benkaus Prosa Raum lässt, und nimmt das Tempo auf, wenn die Handlung es verlangt.
Ob Sallay über 15 Stunden durchgängig stark bleibt, war meine Frage zu Beginn. Die Antwort ist: überwiegend ja. Gelegentlich in besonders emotionalen Passagen gegen Ende wirkt die Lesung etwas angestrengt, aber das ist eine Kleinigkeit im Verhältnis zum Gesamteindruck.
Was die Vergleiche bringen und wo sie aufhören
Mehrere Rezensenten vergleichen « Von Sternen gekrönt » mit Kiera Cass’ Selection-Reihe und mit den Tributen von Panem. Die Parallelen existieren: eine gewöhnliche junge Frau in einer politisch aufgeladenen Machtwelt, romantische Verwicklungen unter lebensbedrohlichen Umständen, ein System, das auf Kosten von Menschenleben funktioniert. Aber Benkau ist keine Kopie von Cass oder Collins. Ihr Ton ist düsterer, ihre Weltmythologie eigenständiger, und ihre Protagonistin ist weniger reaktiv als Katniss Everdeen, eher jemand, der versteht, bevor sie entscheidet.
Mit 4,6 Sternen bei 783 Bewertungen ist das Ergebnis eindeutig: die Reihe funktioniert. Ich würde allerdings darauf hinweisen, dass es sich um Band 1 einer Serie handelt und das Ende entsprechend offen bleibt. Wer keine Cliffhanger mag, sollte sich fragen, ob er bereit ist, sich auf eine längere Reihe einzulassen. Ich persönlich sage: ja, das lohnt sich.
Für wen 15 Stunden Lyaskye sich lohnen
Leserinnen und Leser, die YA-Fantasy mit emotionaler Dichte schätzen und kein Problem damit haben, in eine Seriengeschichte einzusteigen, sind hier bestens aufgehoben. Wer hingegen abgeschlossene Einbänder bevorzugt oder mit dem Selection-Universum nie warm geworden ist, sollte genauer überlegen. Für alle anderen: Planen Sie das Wochenende um.