Auf einen Blick
- Sprecher: Julian Horeyseck leiht dem kleinen Flohling eine warme, kindgerechte Stimme, die Neugier und Zuneigung gleichermaßen transportiert.
- Themen: Talentsuche, Freundschaft, Naturverbundenheit
- Stimmung: Herzerwärmend und abenteuerlich, genau richtig für die Gutenachtstunde
- Fazit: Ein Kinderhörbuch, das Selbstzweifel behutsam aufgreift und zeigt, dass das eigene Talent manchmal dort wartet, wo man es am wenigsten erwartet.
Es war ein verregneter Dienstagabend, und meine Nichte Mia, fünf Jahre alt und eigentlich kaum zum Stillsitzen zu bewegen, hatte sich mit einer Decke auf dem Sofa vergraben und bat mich, etwas mit ihr zu hören. Wir landeten bei « Der kleine Flohling » von Sandra Grimm, gesprochen von Julian Horeyseck, und ich rechnete ehrlich gesagt mit zwanzig Minuten, bevor die Aufmerksamkeit wandert. Was dann passierte, überraschte mich: Mia rührte sich knapp vier Stunden lang kaum vom Fleck.
Sandra Grimm hat mit dem Littelwald eine Welt geschaffen, die einfach genug ist, um sich sofort darin zurechtzufinden, aber reich genug, um echte Neugier zu wecken. Die Littels, ein Volk kleiner Naturwesen, haben alle ein besonderes Talent. Handwerk, Musik, Backen. Alle außer Flohling. Und genau dieser Flohling, mit seinem großen Herzen für Tiere und seinen zwei linken Händen für alles andere, ist der Held dieser Geschichte.
Eine Heldenreise im Kleinformat
Was mich an der Erzählung überzeugt hat, ist die Aufrichtigkeit, mit der Grimm das Thema Selbstzweifel angeht. Flohling ist kein Kind, das heimlich doch der Tollste ist und das nur noch nicht weiß. Er scheitert wirklich, und das mehrfach. Die Praktika, die er durchläuft, sind keine Lachnummern, sondern ernstgemeinte Versuche, und genau dadurch wird das Ende so befriedigend. Die Botschaft, dass ein Talent sich manchmal erst zeigt, wenn man aufhört, krampfhaft danach zu suchen, ist nicht neu. Aber Grimm erzählt sie so anschaulich und ohne erhobenen Zeigefinger, dass sie sich frisch anfühlt.
Julian Horeyseck trägt dabei erheblich zum Erlebnis bei. Seine Stimme hat eine natürliche Wärme, die nicht aufgesetzt wirkt, und er differenziert die Figuren klar genug, dass auch ein Kind ohne Blickkontakt zum Bildschirm weiß, wer gerade spricht. Flohlings zögerliche, leicht scheue Art kommt in seiner Interpretation genauso durch wie die energischere Lisbet, Flohlings Freundin. Hier stimmt die Chemie zwischen Text und Vortrag.
Was das Hörbuch besser macht als das Buch
In einigen Buchrezensionen wurde kritisiert, dass zu wenige Illustrationen vorhanden sind, gerade für die angegebene Altersgruppe von fünf bis sieben Jahren. Im Hörbuch fällt das natürlich komplett weg. Im Gegenteil: Weil Horeyseck den Littelwald so lebendig beschreibt und Grimms Sprache selbst sehr bildstark ist, entsteht im Kopf ein eigenes inneres Bild. Mia hat mir hinterher detailliert erklärt, wie sie sich den Wald vorgestellt hat. Das ist ein gutes Zeichen.
Ein weiterer Punkt, den ich besonders schätze: Das Buch kommt ohne klassischen Oberbösewicht aus. Es gibt keine finstere Bedrohung, die überwunden werden muss. Die Spannung entsteht aus Flohlings innerem Konflikt und der Reise zur Weisen des Nordens. Das ist für junge Hörer, die noch nicht mit archetypischen Schurken vertraut sind, ein echter Vorteil. Die Geschichte bleibt durchgehend optimistisch in ihrem Grundton, ohne naiv zu werden.
Kleines Manko, ehrlich benannt
Die gut vier Stunden Laufzeit sind für ein Kinderhörbuch angemessen, können aber für Kinder unter vier Jahren schon etwas viel auf einmal sein. Hier empfiehlt sich das Aufteilen in mehrere Sitzungen, was problemlos funktioniert, weil die Geschichte in sich selbst schon kleinere Bögen enthält. Außerdem ist « Der kleine Flohling » der Auftakt einer Serie, und der Serienabschluss ist noch nicht abzusehen. Wer ein in sich geschlossenes Abenteuer sucht, findet es trotzdem: Dieser Band endet befriedigend, auch ohne Fortsetzung.
Mit 4,7 Sternen bei fast 740 Bewertungen gehört das Hörbuch zu den beliebtesten Kindertiteln seines Genres auf der Plattform, und das ist verdient. Julian Horeyseck und Sandra Grimm haben gemeinsam etwas geschaffen, das Kindern echte Emotionen zutraut und sie damit nicht allein lässt.
Für wen es sich lohnt und für wen nicht
Wer ein Kinderhörbuch für fünf- bis achtjährige Kinder sucht, das ohne Gewalt und Bedrohungsszenarien auskommt und trotzdem eine echte Geschichte erzählt, ist hier richtig. Auch für sensible Kinder, die bei zu viel Konflikt abschalten, ist der Flohling eine gute Wahl. Wer hingegen ein Hörbuch mit vielen Charakteren und komplexen Handlungssträngen erwartet, wird die Schlichtheit möglicherweise als Schwäche empfinden. Das ist sie aber nicht. Sie ist die Stärke.