Auf einen Blick
- Narration: André Heller liest seine eigenen Aufzeichnungen — das ist kein neutrales Sprechen, sondern ein Zuhören in Echtzeit, das man kaum imitieren könnte.
- Themes: Altern und Loslassen, Mutter-Sohn-Verhältnis, gelebte Geschichte
- Mood: Leise und intim, mit Humor und Trauer in unmittelbarer Nachbarschaft
- Verdict: Eine kurze, dichte Begegnung mit einer außergewöhnlichen Frau und ihrem Sohn — für knapp zwei Stunden unverhältnismäßig viel Leben.
Ich habe „Uhren gibt es nicht mehr“ an einem Sonntagvormittag in einem Zug gehört. Anderthalb Stunden Fahrtzeit, ein Hörbuch von einer Stunde fünfundvierzig Minuten. Es war keine geplante Entscheidung, ich suchte etwas Kurzes, etwas, das in diese eine Stunde passt. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass ich am Ende der Fahrt sitzen bleiben wollte.
André Heller hat in den Monaten vor diesem Hörbuch Gespräche mit seiner Mutter Elisabeth geführt. Sie ist 102 Jahre alt. Geboren als der Erste Weltkrieg ausbrach. Mit 18 verheiratet mit einem Süßwarenfabrikanten namens Stephan Heller. Und jetzt, langsam, sagt sie in diesen Gesprächen, geht es ans Verabschieden. Innerlich sieht man sich noch jung und klettert auf Berge und segelt über den Wolfgangsee, freut sich auf den nächsten Tag. Das ist der erste Satz, der einem bleibt.
Eine Frau, die 102 Jahre gesehen hat
Elisabeth Heller erzählt von Franz Lehár am Klavier in Bad Ischl. Von einem Selbstmordversuch aus Liebe, dem Blödesten überhaupt, mit einer Direktheit, die man bei einer 102-Jährigen nicht unbedingt erwartet, aber sofort liebt. Vom Wunsch, dass das Körperwerkl in Gottesnamen auslaufen soll. Das sind keine Aphorismen. Das sind echte Sätze einer echten Frau, und sie klingen so.
Was Heller mit diesen Gesprächen gemacht hat, ist etwas Seltenes: er hat nicht kommentiert, nicht kontextualisiert, nicht erklärt. Er hat aufgezeichnet und arrangiert. Das Resultat ist weniger Biografie als Destillat, ein Leben, das durch eine Handvoll Gespräche hindurchscheint, ohne vollständig erfasst zu werden. Das ist die richtige Entscheidung.
Wenn der Sohn auch der Sprecher ist
Selbstgelesene Hörbücher haben einen eigenen Rhythmus. André Heller ist kein professioneller Sprecher, und das hört man, nicht als Mangel, sondern als Qualität. Er liest nicht vor, er erzählt. Es gibt Pausen, die wie Nachdenken klingen, nicht wie eingebübte Dramaturgie. In den Momenten, in denen seine Mutter etwas besonders Scharfes oder besonders Trauriges sagt, verändert sich seine Stimme minimal, kaum wahrnehmbar, aber da.
Eine Rezension merkt an, dass Heller die Gespräche stellenweise nutzt, um sich und seine eigenen Werke in den Mittelpunkt zu stellen. Das stimmt, und es ist die einzige wirkliche Schwäche des Hörbuchs. Es gibt Passagen, in denen man das Gefühl hat, dass der Sohn den Raum etwas zu sehr füllt, wo die Mutter noch sprechen könnte. Gemessen an dem, was das Hörbuch insgesamt ist, ist das ein kleines Ungleichgewicht, aber es ist vorhanden.
Kurz, aber nicht knapp
Eine Stunde fünfundvierzig Minuten ist wenig. Man ist fertig, bevor man fertig sein will. Ich verstehe, dass das für manche das Kaufargument untergräbt. Aber diese Kürze gehört zur Aussage des Hörbuchs: es geht ums Verabschieden, ums Auslaufen, um das, was übrig bleibt, wenn die Zeit knapp wird. Mehr hätte vielleicht weniger bedeutet. So, wie es ist, wirkt es vollständig.
Was bleibt, ist das Bild einer Frau, die mit 102 Jahren noch klar genug ist, um über den eigenen Tod zu sprechen wie über einen langen Spaziergang, von dem man weiß, dass er bald endet. Das ist keine Sentimentalität. Das ist Haltung.
Wer hören sollte, wer nicht
Empfehlenswert für alle, die intergenerationelle Gespräche über Alter, Erinnerung und Abschiednehmen schätzen, und für Hörer, die Heller als Autor oder Kulturperson kennen und mögen. Weniger geeignet für die, die ein abendfüllendes Programm suchen oder eine klassische Memoirstruktur erwarten. Das hier ist kein Lebensrückblick, es ist ein Nachhören.
Häufig gestellte Fragen
Ist „Uhren gibt es nicht mehr“ eher ein Interview oder ein erzählendes Memoir?
Keines von beidem im klassischen Sinne. Das Hörbuch basiert auf Gesprächen zwischen André Heller und seiner Mutter Elisabeth und ist als Destillat dieser Gespräche aufgebaut. Es gibt keine klassische Narration oder Lebenschronologie, es ist eher eine Folge von Erinnerungen und Beobachtungen.
Wie klingt es, wenn André Heller seine eigenen Aufzeichnungen liest?
Ungeschliffen im guten Sinne. Er ist kein professioneller Sprecher und legt keinen Wert darauf, es zu klingen. Das gibt dem Hörbuch eine Unmittelbarkeit, die eine externe Sprecherbesetzung nicht hätte erzeugen können.
Ist das Hörbuch geeignet für Menschen, die sich selbst in der Begleitung älterer Angehöriger befinden?
Sehr. Mehrere Rezensenten, darunter eine Pflegefachkraft, beschreiben, wie nah das Hörbuch an ihren eigenen Berufserfahrungen ist. Der Ton ist nicht belehrend, aber er öffnet etwas.
Gibt es Vorwissen über André Heller oder seine Mutter, das man für das Hörbuch braucht?
Nein. Das Hörbuch ist in sich geschlossen und erfordert keine Vorkenntnisse über Hellers Werk oder seine Familiengeschichte. Es erschließt sich vollständig aus den Gesprächen selbst.