Auf einen Blick
- Narration: Benjamin Hansen gibt Kommissar Simon Perlinger eine bodenständige, glaubwürdige Stimme — kein Theaterdonner, sondern das ruhige Selbstbewusstsein eines echten Bergkenners.
- Themes: Alpinkriminalität, politischer Skandal, Heimat und Verbrechen
- Mood: Kühl und atmosphärisch, mit zunehmendem Sog
- Verdict: Ein solider Regionalkrimis, der seine Stärken aus der Berglandschaft und einem unerwarteten politischen Hintergrund zieht — für Fans des Genres eine lohnenswerte Winterlektüre.
Ich war auf dem Weg nach München, irgendwo zwischen Frankfurt und dem Chiemgau, als ich « Mord am Watzmann » auflegte. Das passte. Draußen zogen die ersten Voralpenkonturen vorbei, und Felix Leibrocks Auftakt — ein Ehepaar aus Lübeck stürzt vom Watzmann, ausgerechnet an ihrem silbernen Hochzeitstag — hatte genau die Art von düsterem Kammerton, die ich in diesem Moment brauchte.
Was dieser Krimi von Beginn an klug macht: Er täuscht. Die Geschichte klingt zunächst wie ein klassischer Bergunfall-Krimi, und viele Hörer werden — wie ich — erst einmal im Lokalen suchen. Schlechtes Wetter, schwieriges Gelände, vielleicht Überschätzung. Aber Leibrock hat Größeres im Sinn. Schon nach dem ersten Drittel öffnet sich das Buch hin zu einem politischen Hintergrund, der mehrere Leserinnen und Leser an die Barschel-Affäre erinnert hat — zu Recht, wie eine der Rezensionen deutlich macht. Ein ehrgeiziger Lübecker Unternehmer, ein Berater namens Singer, der für seinen Auftraggeber über Leichen geht: Das Konstrukt sitzt.
Der Berg als Tatwaffe
Was « Mord am Watzmann » von vielen anderen deutschen Regionaln krimis unterscheidet, ist die Glaubwürdigkeit des Terrains. Kommissar Simon Perlinger ist nicht nur zufällig Polizeibergführer — er ist es mit echter Expertise. Sein Blick auf den Sturz der beiden Opfer ist kein romantisch verklärter Bergsteigerblick, sondern der eines Menschen, der weiß, wie man sich an der Mittelspitze verhält und wann etwas nicht stimmt. Diese Innensicht macht die Ermittlung zu mehr als einer Alibifunktion für Alpenkulisse.
Die Berchtesgadener Landschaft ist dabei nicht Kulisse im Sinne von Tourismusprospekt, sondern Tatwaffe und Stimmungsraum zugleich. Leibrock beschreibt Wetter, Exposition und Gelände mit der Nüchternheit eines Alpinisten, nicht eines Landschaftsmalers. Das kommt dem Hörbuch zugute: Benjamin Hansen überträgt genau diese Nüchternheit in seine Lesung, ohne dabei emotional zu entleeren.
Was Benjamin Hansen leistet
Hansen ist kein Sprecher, der einen Krimi aufblasen will. Seine Lesung von Perlingers Perspektive klingt nach dem, was der Charakter sein soll: jung, aber erfahren, skeptisch ohne Zynismus, hartnäckig ohne Drama. Die Ermittlung auf eigene Faust wirkt glaubhaft, weil Hansen nie den Fehler macht, Perlinger zu einem Cowboy zu stilisieren. Der interne Zweifel bleibt spürbar.
Für einen Sprecher, zu dem mir keine längere Vorgeschichte aus Dutzenden Hörbüchern vorliegt, beeindruckt die Kontrollüber das Tempo. Wo es zieht, zieht es. Wo Leibrock erklärt oder orientiert, lässt Hansen die Sätze atmen. Das Kritikpunkt einiger Rezensionen — « teilweise etwas zäh » — fällt in der Hörversion weniger ins Gewicht als in der Printausgabe, gerade weil Hansen die ruhigeren Passagen trägt statt sie zu verlieren.
Das Ende, das niemand vorausahnt
Mehrere Leserinnen und Leser notieren, dass die Auflösung sie überrascht hat — und das meine ich nicht als Formelkritik, sondern als Qualitätsmerkmal. Leibrock hält seine Täterstruktur so gut versteckt, dass das Finale tatsächlich erstaunt, ohne unlogisch zu wirken. Es ist nachvollziehbar, wie eine Rezension es formuliert: rückblickend fügt sich alles zusammen, aber während man zuhört, schaut man in eine andere Richtung. Das ist handwerklich sauber.
Einziger echter Vorbehalt: Das Buch läuft mit 8 Stunden 20 Minuten nicht besonders lang für einen Krimi mit politischem Überbau. Wer tiefere Charakterzeichnung oder einen ausgearbeiteten zweiten Protagonisten erwartet, wird feststellen, dass Leibrock lieber Plot als Portrait wählt. Perlinger funktioniert, aber er bleibt im Rahmen.
Wer sollte zuhören, wer sollte weitergehen
« Mord am Watzmann » ist das Richtige für alle, die Regionalkrimis mögen, aber auf politischen Gehalt nicht verzichten wollen — und die Berge nicht als Requisit, sondern als Handlungsraum schätzen. Wer tiefe Figurenpsychologie sucht oder ausufernde Landschaftslyrik, findet sie hier nicht. Wer einen sauber konstruierten Krimi mit echter Überraschung und glaubwürdigem Alpinmilieu will, liegt richtig.
Häufig gestellte Fragen
Hat « Mord am Watzmann » etwas mit der TV-Serie « Watzmann ermittelt » zu tun?
Nein, gar nichts. Eine Rezension weist ausdrücklich darauf hin, dass die beiden nicht zu verwechseln sind. Felix Leibrocks Roman ist eine eigenständige Geschichte um den jungen Kommissar und Polizeibergführer Simon Perlinger — kein Tie-in und kein Ableger.
Wie stark ist der politische Hintergrund der Geschichte?
Stärker als der Klappentext vermuten lässt. Die Alpine Unfallermittlung ist der Einstieg, aber das Buch entwickelt sich zu einem Krimi mit politischem Skandalhintergrund, den mehrere Rezensenten explizit mit der Barschel-Affäre verglichen haben. Wer ausschließlich Bergkulisse erwartet, wird überrascht sein.
Ist das Hörbuch für Zuhörer geeignet, die die Berchtesgadener Gegend nicht kennen?
Ja, ohne Weiteres. Leibrock erklärt die Topografie soweit nötig, und Benjamin Hansens ruhige Lesung gibt dem Schauplatz genug Kontur, ohne Ortskenntnis vorauszusetzen. Lokalkolorit ist vorhanden, aber nicht so dicht, dass es ohne Vorinformation undurchdringlich wäre.
Ist « Mord am Watzmann » der Auftakt einer Reihe um Simon Perlinger?
Laut den verfügbaren Metadaten liegt kein offizieller Serienhinweis vor. Perlinger ist als Figur auf Fortsetzungen angelegt — Polizeibergführer mit eigenem Profil, ungelöste persönliche Fäden — aber ob und wie die Reihe weitergeführt wird, lässt sich aktuell nicht bestätigen.