Auf einen Blick
- Sprecher: Marc-Uwe Kling liest sein eigenes Märchen mit trockenem Witz und perfektem Timing; der Live-Mitschnitt aus dem Mehringhoftheater ist ein echter Bonus.
- Themen: Märchen-Parodie, Äußerlichkeiten vs. innere Werte, politische Satire
- Stimmung: Kurz, frech und überraschend bissig
- Fazit: Sechzehn Minuten reinen Vergnügens für Kinder ab vier Jahren und für Erwachsene, die ein gutes Augenzwinkern zu schätzen wissen.
Es war ein ganz normaler Dienstagabend, als ich beschlossen habe, einfach mal etwas ganz kurzes einzulegen. Mein Stapel ungehörter Hörbücher wird ja nicht kleiner, aber manchmal braucht man zwischen zwei langen Thrillern einfach eine Pause. Sechzehn Minuten. Ich dachte, ich probiere es einfach aus.
Was mich erwartet hat, war eine der vergnüglichsten Viertelstunden, die ich seit langem mit einem Hörbuch verbracht habe. Marc-Uwe Kling, bekannt durch die Känguru-Chroniken und das Bilderbuch-Phänomen Das NEINhorn, liest hier sein eigenes Kindermärchen. Und das macht einen gewaltigen Unterschied.
Wenn der Autor selbst ans Mikrofon tritt
Marc-Uwe Kling liest nicht nur vor. Er spielt das Märchen, mit allen Figuren, mit sämtlichen Zwischentönen, mit dieser herrlich trockenen Berliner Art, die er auch aus seinen anderen Werken kennt. Die Prinzessin, die am Anfang hübsch und dumm und gemein ist, klingt bei ihm genau so, wie sie klingen soll. Nicht karikiert bis zur Kenntlichkeit, sondern mit just so viel Übertreibung, dass Kinder sofort verstehen, worum es geht, während Erwachsene leise vor sich hin schmunzeln.
Der Live-Mitschnitt aus dem Mehringhoftheater Kreuzberg, der dieser Ausgabe als Bonusmaterial beigefügt ist, ist kein nachträgliches Anhängsel. Er ist auf seine eigene Art das Herzstück. Man hört das Publikum, man hört die Kinder lachen, und man merkt, wie diese Geschichte im Raum funktioniert. Für mich war das der schönste Beleg dafür, dass Kling ein Autor ist, der seine Texte nicht nur schreibt, sondern wirklich lebt.
Ein Märchen, das sich nicht an die Regeln hält
Worum geht es? Prinzessin Popelkopf ist hübsch, hat viel Rosa drumrum und ist, wie das Eingangssatz des Märchens selbst formuliert, ziemlich dumm. Als sie eine kleine Hexe beleidigt, wird sie verflucht: Fortan trägt sie einen riesigen Popelkopf auf dem Hals und muss einen Weg finden, diesen Namen loszuwerden. Die Lösung, die ihr Vater vorschlägt: heiraten. Zur Auswahl stehen unter anderem Fürst Furzgesicht und Grützhirn.
Das klingt nach reinem Klamauk, und das ist es auf der Oberfläche auch. Kinder zwischen vier und acht Jahren werden die Namen allein schon zum Brüllen finden. Aber Kling wäre nicht Kling, wenn er nicht noch eine zweite Ebene eingebaut hätte. Das Ende des Märchens hat es in sich. Eine Rezensentin schreibt, sie habe als Erwachsene nur gedacht: Wow. Ich kann das bestätigen. Ohne zu viel zu verraten: Kling beendet sein kleines Märchen mit einem politischen Statement, das man so in einem Kinderbuch nicht erwartet und das umso stärker trifft, weil es so beiläufig kommt.
Sechzehn Minuten und kein bisschen zu lang
Die Laufzeit ist das Einzige, worüber man vorab sprechen muss. Sechzehn Minuten sind kein Versehen und kein Fehler. Das Hörbuch ist vollständig, es erzählt eine runde Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Wer ein Hörbuch kauft und drei Stunden Unterhaltung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer aber einen perfekten Vorleseabend mit dem Kind oder eine kurze, kluge Pause im Alltag sucht, trifft hier genau das Richtige.
Bei fast 900 Bewertungen und einer Durchschnittsnote von 4,6 spricht das Publikum eine deutliche Sprache. Die wenigen kritischen Stimmen gelten nicht der Qualität des Hörbuchs, sondern dem politischen Schlusskonstrukt, das manche Eltern in der aktuellen Weltlage als Erklärungsnotstand empfinden. Das ist ein legitimes Gefühl, aber kein Argument gegen das Hörbuch. Es ist eins für eine Gesprächspause danach.
Für wen ist das gedacht und für wen nicht
Wer Marc-Uwe Kling bereits kennt und liebt, wird hier sofort zu Hause sein. Wer Das NEINhorn mit seinen Kindern gelesen hat und weiß, dass Kling Kinderbücher schreibt, die Erwachsene heimlich für sich selbst kaufen, der findet in Prinzessin Popelkopf denselben Geist in Hörformat. Für Kinder ab etwa vier Jahren empfehle ich es uneingeschränkt. Jüngere Kinder brauchen möglicherweise noch etwas Aufmerksamkeitsspanne für die Geschichte.
Wer allerdings ein langes Hörabenteuer sucht oder wer politische Pointen in Kindermärchen grundsätzlich ablehnt, wird mit diesem Hörbuch nicht glücklich. Das ist kein Fehler des Werkes, sondern eine Frage der Erwartungen.