Auf einen Blick
- Sprecher: Sophie Roberts trägt die englische Originalfassung mit ruhiger, akademischer Autorität vor, die dem essayistischen Stil von Irene Vallejo angemessen ist.
- Themen: Geschichte des Buches, antike Bibliotheken, Übergang von Mündlichkeit zur Schrift
- Stimmung: Gelehrt und weitschweifig, mit Momenten echter Begeisterung für das geschriebene Wort
- Fazit: Ein ehrgeiziges Werk über die Kulturgeschichte des Buches — für geduldige Leser mit echter Liebe zur Literaturgeschichte ein Gewinn, für andere mitunter zäh.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit, irgendwo zwischen zwei U-Bahn-Stationen, als Irene Vallejo anfing, über die Schreiber der Antike zu sprechen, die an den Ufern des Nils saßen und Papyruspflanzen schnitten. Es ist einer dieser Momente, in denen man fast die eigene Station verpasst, weil man plötzlich merkwürdig gerührt ist von etwas, das dreitausend Jahre entfernt stattgefunden hat.
« Papyrus » ist kein gewöhnliches Sachbuch. Die spanische Klassizistin Irene Vallejo hat ein Werk geschrieben, das in Spanien zum Phänomen wurde, in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und in der englischsprachigen Ausgabe — um das vorab klarzustellen — von Sophie Roberts gelesen wird. Das Hörbuch ist auf Englisch. Wer die deutsche Übersetzung von Maria Meinel und Luis Ruby bevorzugt, sollte auf die deutsche Buchausgabe zurückgreifen, die im Diogenes-Verlag erschienen ist.
Eine Reise durch sechstausend Jahre Bücher-Geschichte
Vallejo beginnt mit den Ursprüngen — den Tontafeln, den Papyrusrollen, den frühen Bibliotheken, die Pharaonen und Könige als Machtinstrument anlegten. Sie erzählt, wie Alexander der Große seine Feldzüge nicht nur mit Schwertern, sondern mit Büchern führte, wie die Bibliothek von Alexandria entstand und wie sie — in mehreren Wellen — verloren ging. Das klingt nach konventioneller Kulturgeschichte. Vallejo macht daraus etwas anderes.
Sie schreibt essayistisch, assoziativ, manchmal autobiografisch. Sie verknüpft die Vergangenheit mit persönlichen Erinnerungen, mit der kriegszerstörten Bibliothek von Sarajevo, mit einer spanischen Kleinstadt, in der sie aufwuchs. Diese Verknüpfung ist sowohl ihre Stärke als auch ihr wunder Punkt. Wer ein straff argumentierendes Sachbuch erwartet, wird irritiert sein. Wer sich auf den essayistischen Fluss einlässt, findet darin echte Schönheit.
Was Sophie Roberts aus diesem Stoff macht
Sophie Roberts liest präzise und ohne Manierismen. Ihr Englisch ist klar, das Tempo angemessen für einen Text, der nicht eilt. Bei 17 Stunden und 28 Minuten ist das eine Ausdauerleistung, und Roberts bewährt sich darin. Sie verleiht Vallejo keine dramatische Aufführung, sondern eine zurückhaltende Begleitung, die den Text atmen lässt. Das ist die richtige Entscheidung für dieses Material.
Einige englischsprachige Rezensenten haben Vallejos Methode kritisiert — die Spekulation dort, wo keine Quellen existieren, die persönlichen Einschübe, die man als Abschweifungen lesen kann. Diese Kritik ist nicht unberechtigt. Vallejo macht aus Wissenslücken keine Geheimnisse, sondern füllt sie mit bewusster literarischer Imagination. Wer das als methodisches Problem betrachtet, wird das Buch frustrierend finden. Wer es als poetische Freiheit versteht, findet darin einen eigenen Wert.
Für wen sich dieser Titel lohnt
« Papyrus » funktioniert am besten für Hörerinnen und Hörer, die bereits eine Leidenschaft für Bücher und Lesen mitbringen, die historische Exkurse genießen, ohne Angst vor Weitschweifigkeit zu haben, und die keine Schwierigkeiten mit englischsprachigem Sachbuch-Englisch haben. Mit 4,4 Sternen bei über 650 Bewertungen ist die Zustimmung insgesamt groß, aber die polarisierten Meinungen — zwischen euphorischen Fünf-Sterne-Rezensionen und deutlicher Kritik — zeigen, dass der Text nicht jeden erreicht.
Wer einen gedrängten, datengetriebenen Überblick über die Buchgeschichte sucht, sollte anderswo suchen. Wer bereit ist, sich auf eine fast meditative Reise durch Jahrtausende der Schriftkultur einzulassen, wird Vallejo dankbar sein, dass es dieses Buch gibt.