Auf einen Blick
- Sprecher: Dietmar Wunder bringt Oxens zerbrochene Innenwelt mit ruhiger Intensität zum Vorschein und hält auch in den politischen Intrigen-Szenen die Spannung aufrecht.
- Themen: Verdeckte Machtstrukturen, politische Korruption, Trauma und Pflicht
- Stimmung: Kalt und angespannt, nordisch-düster, hellwach
- Fazit: Wer die Oxen-Reihe kennt und liebt, findet in Interregnum einen würdigen, wenn auch nicht ganz so intensiven Folgeband.
Ich hatte « Oxen. Interregnum » schon eine Weile auf der Warteliste. Dann kam ein langer Zugweg nach Hamburg, sieben Stunden hin und zurück, und ich dachte: Jetzt ist der richtige Moment. Dietmar Wunders Stimme setzte ein, die graue Landschaft zog am Fenster vorbei, und innerhalb von zwanzig Minuten war ich drin. Ganz drin.
Das ist das Besondere an dieser Reihe: Sie braucht keine langen Anlaufzeiten. Jens Henrik Jensen hat mit Niels Oxen eine Figur geschaffen, die man nicht vergisst. Ein ehemaliger Elitesoldat mit gebrochener Seele, der sich in einer Welt bewegt, in der Macht korrumpiert und Vertrauen eine Schwäche ist. « Interregnum » ist, dem Serientitel nach, kein klarer Neubeginn und kein definitives Ende, sondern etwas dazwischen. Das spürt man.
Dietmar Wunder und der Klang einer zerrissenen Seele
Man kennt Dietmar Wunder vor allem als die deutsche Stimme von Benedict Cumberbatch. Diese Assoziation ist nicht unwillkommen, wenn man bedenkt, was Wunder hier leistet: Er spricht Oxen mit einer Zurückgezogenheit, die Bände erzählt. Keine Übertreibung, keine dramatischen Ausbrüche. Stattdessen eine kontrollierte Stille, die gefährlicher klingt als jedes Gebrüll. Wenn Oxen schweigt, fühlt man, dass Wunder dieses Schweigen aktiv spielt, nicht einfach liest.
Die Dialoge zwischen Oxen und Margrethe Franck, seiner klugen Partnerin beim dänischen Nachrichtendienst PET, hat Wunder gut im Griff. Er differenziert zwischen den Figuren, ohne in Karikaturen zu verfallen. PET-Chef Mossman klingt bei ihm wie ein Mann, der schon zu viele Geheimnisse getragen hat. Das ist keine kleine Leistung bei einem Text, der mit politischen Figuren und Machtspielen jongliert.
Das Netzwerk im Verborgenen
Die Prämisse von « Interregnum » schließt direkt an die Vorgänger an: Der Danehof, das geheime Machtnetzwerk, das Oxen und Franck einst zerschlagen hatten, existiert unter neuer Führung weiter. Mossman bittet sie um Hilfe, und dann überschlagen sich die Ereignisse. Ein Anführer des Netzwerks wird tot in einem schwedischen See gefunden. Weitere Todesfälle folgen. Die Ermittlungen entwickeln eine eigene, tödliche Dynamik.
Jensen beherrscht das Handwerk des Skandinavienkrimis wie wenige andere. Ein Rezensent hat ihn treffend mit Stieg Larsson und Jussi Adler-Olsen verglichen, und das ist nicht übertrieben. Die politische Ebene ist gut recherchiert, die moralische Ambivalenz der Figuren ist echt, nicht aufgesetzt. Dass Mossman, der Strippenzieher, in « Interregnum » selbst um Hilfe bitten muss, verschiebt die Machtverhältnisse auf interessante Weise.
Allerdings, und das merke ich an weil ich es wichtig finde: « Interregnum » erreicht nicht ganz die Verdichtung der stärksten Vorgängerbände. Ein Rezensent hat diese Einschätzung geteilt und beschrieben, dass die Spannung der früheren Episoden « nicht mehr ganz erreicht » werde. Das kann ich nachvollziehen. Es gibt Passagen im mittleren Drittel, in denen die Handlung etwas breiter ausgerollt wird, als es der Spannungsbogen verlangt. Wunder rettet diese Stellen durch sein ruhiges Tempo, aber ganz unsichtbar bleiben sie nicht.
Wer Oxen noch nicht kennt, sollte nicht hier beginnen
Das ist ein Punkt, den ich klar ansprechen muss: « Interregnum » ist kein Einstiegsband. Die Figuren werden nicht neu eingeführt, die Vorgeschichte des Danehof wird nur kurz umrissen, und Beziehungsdynamiken zwischen Oxen, Franck und Mossman setzen eine Kenntnis der vorigen Bände voraus. Wer kalt einsteigt, wird zwar der Handlung folgen können, aber die emotionale Tiefe dieser Figuren nicht wirklich spüren.
Für alle, die die Reihe kennen, ist « Interregnum » eine solide, spannende Fortsetzung, die wichtige Handlungsfäden aufgreift und in einer neuen Konstellation weiterdreht. 17 Stunden, die man nicht bereut. Und Dietmar Wunders Stimme macht den nordischen Frost dieser Geschichte auf besondere Weise hörbar.
Wer sollte hören, wer besser nicht
Fans der Oxen-Reihe sind natürlich die Kernzielgruppe. Wer Skandinavienkrimis mit politischer Tiefe mag und Autoren wie Adler-Olsen schätzt, wird Jensen über kurz oder lang entdecken wollen, sollte aber bei Band 1 beginnen. Wer hingegen nach einem in sich geschlossenen Thriller sucht, ohne Serienbindung, ist mit diesem Band schlecht beraten.