Auf einen Blick
- Sprecher: Richard Barenberg gibt dem Roman das ruhige Gewicht, das Brandhorsts galaktische Dimensionen brauchen — episch, aber nie aufgebauscht.
- Themen: Superzivilisationen und Machtgefüge im Universum, Identität und Sterblichkeit angesichts einer zehntausendjährigen Menschheit, Verrat und Auftrag
- Stimmung: Weit, dunkel und nachdenklich — Space Opera mit Tiefgang, kein Actionspektakel
- Fazit: Brandhorst schreibt deutschsprachige Science-Fiction auf einem Niveau, das international mithalten kann; wer das Genre ernst nimmt, kommt hier auf seine Kosten.
Es gibt Hörbücher, die man am besten spät nachts hört, wenn es draußen dunkel ist und die Stille des Raumes zu den Dimensionen der Geschichte passt. « Omni » von Andreas Brandhorst ist eines davon. Ich habe die ersten drei Stunden an einem Montagabend begonnen, mit dem Plan, früh aufzuhören. Daraus wurden fünf Stunden, und ich bereue es nicht.
Brandhorst ist in Deutschland einer der produktivsten und ernsthaftesten Vertreter der Science-Fiction, aber außerhalb von Genre-Kreisen zu wenig bekannt. « Omni » zeigt, warum das schade ist. Es ist ein Roman mit echter Ambition — nicht die Ambition, möglichst viel Handlung in möglichst kurzer Zeit zu komprimieren, sondern die Ambition, sich wirklich auszumalen, wie das Universum aussähe, wenn es da draußen Zivilisationen gäbe, die die Menschheit um Jahrtausende übertreffen.
Wenn Geschichte zehntausend Jahre umfasst
Das Konzept des Omni — ein Zusammenschluss von Superzivilisationen, der im Verborgenen die Milchstraße regiert — ist nicht neu in der SF. Was Brandhorst davon macht, ist es. Die sechs Zehntausendjährigen, Menschen, die die Anfänge der Menschheitsgeschichte noch kennen, sind das eigentliche Herzstück des Romans. Aurelius, einer von ihnen, ist keine Heldengestalt im klassischen Sinn. Er ist eher ein Hüter — jemand, der weiß, was auf dem Spiel steht, und der gerade deshalb handeln muss, während alle anderen noch verhandeln.
Forrester, der abtrünnige Agent, der ihm auf der Spur ist, ist das Gegenstück: ein Mensch in normalem Maßstab, der in eine Geschichte gerät, die viel größer ist als er. Diese Reibung zwischen dem Kosmischen und dem Menschlichen ist das, was Brandhorst am besten kann, und er nutzt sie hier voll aus.
Richard Barenberg und die Würde des Epischen
Richard Barenberg gehört zu jenen Sprechern, die ich für bestimmte Romane fast schon als Pflicht betrachte. Er hat ein Gespür für das Gewicht von Sätzen, das bei Science-Fiction mit philosophischer Dimension unverzichtbar ist. Er liest Brandhorsts Text nicht ab — er trägt ihn. Die galaktischen Dimensionen, die Zeiträume, die der Roman aufmacht, klingen bei Barenberg nie absurd, sondern tatsächlich beeindruckend.
Besonders gut gefällt mir, wie er mit den nicht-menschlichen Charakteren umgeht. Brandhorst schreibt diese Figuren so, dass sie exotisch, aber nicht überzeichnet wirken — und Barenberg leiht ihnen eine Fremdheit, die sich nie ins Karikaturhafte steigert. Rezensent Dirk Müller-Paul schreibt, die nichtmenschlichen Charaktere wirkten « dezent und plausibel » — das ist auch ein Verdienst des Sprechers.
Was der Roman offen lässt — und warum das in Ordnung ist
Rezensent joza bemerkt, dass einige Fragen zu Hintergründen und Zusammenhängen im Omniversum offen bleiben. Das stimmt. Brandhorst schreibt in einem Universum, das größer ist als ein einzelner Roman, und er entscheidet sich, nicht alles zu erklären. Das ist eine legitime erzählerische Entscheidung, die nicht jedem gefällt. Wer nach dem letzten Kapitel alle Antworten auf alle Fragen haben möchte, wird leicht unbefriedigt sein.
Ich sehe das anders. Ein Universum, das nach dem Ende des Romans noch weitergeht, hat etwas Verführerisches. Brandhorst deutet mehr an, als er zeigt, und das lässt einen mit dem angenehmen Unbehagen zurück, das gute SF immer hinterlässt: dem Gefühl, dass da noch mehr ist, dem man nachspüren möchte.
Der Roman ist formal eigenständig und im Omniversum-Universum angesiedelt, aber er kann ohne Vorkenntnisse gehört werden. Die sechzehn Stunden Laufzeit sind mit Barenberg an der Seite keine Geduldsprobe.
Für wen « Omni » das Richtige ist — und für wen nicht
Für Hörerinnen und Hörer, die Science-Fiction als Literatur und nicht nur als Unterhaltungsformat ernst nehmen, ist « Omni » eine gute Wahl. Wer Space Opera mit hohem Tempo, viel Action und schnellen Wendungen sucht, wird möglicherweise zu wenig Adrenalin finden. Das Buch denkt nach, und es erwartet, dass man mitdenkt. Als Einstieg in Brandhorsts Werk ist es gut geeignet; wer mehr will, findet im Omniversum weitere Bände.