Auf einen Blick
- Sprecher: Marko Formanek verleiht Chefinspektor Oskar Stern eine bodenstaendige, warmherzige Stimme, die das oesterreichische Flair der Reihe treffsicher einfaengt.
- Themen: Regionalkriminalitaet im Muehlviertel, Vampirmythos als Ablenkungsmanoeuvre, laendlicher Aberglaube
- Stimmung: Gemaechlich und schmunzelnd, mit einem Hauch dunkler Skurrilaet
- Fazit: Wer unkomplizierte Regionalkrimis mit Lokalkolorit und einem sympathischen Ermittler sucht, ist hier gut aufgehoben.
Es war ein trueber Dienstagabend, als ich mir « Muehlviertler Blut » von Eva Reichl in die Ohren schob. Ich hatte gerade einen langen Arbeitstag hinter mir und wollte nichts Anstrengendes, nichts Weltbewegendes, einfach eine Geschichte, die mich mitnimmt und dabei nicht ueberfordert. Was ich bekam, war ein Krimi mit unverhohlener Freude am regionalen Erzählen, einem Ermittler, den man sofort ins Herz schließt, und einem Mordsfall, der so schoen verquert ist, dass man unweigerlich grinst.
Ein Priester, tot aufgefunden in seiner eigenen Kirche. Zwei Einstichstellen am Hals. Kein Tropfen Blut mehr im Koerper. Das Muehlviertel ist in Aufruhr, und noch bevor Chefinspektor Oskar Stern den Tatort besichtigt hat, kursieren Gerueche ueber einen Vampirmoerder. Kurz darauf stirbt in Linz ein Weinhaendler auf dieselbe Art. Eva Reichl spielt mit dem Vampirmotiv mit spuerbarem Vergnuegen, ohne jemals ins Laecherliche abzudriften.
Das Muehlviertel als schweigender Zeuge
Was diese Reihe von generischen Ermittlerkrimis unterscheidet, ist das tiefe Verwurzeltsein in einer konkreten Gegend. Das Muehlviertel ist kein bloss geographisches Beiwort, sondern ein Charakter fuer sich. Die Dorfoeffendlichkeit, der Aberglaube, die Eigenheiten der Bevoelkerung, die zwischen Weihwasser und Knoblauchzopf schwankt, das alles atmet Authentizitaet. Ich mochte, dass Reichl ihrer Heimat weder zu schmeichelhaft begegnet noch sie blossstellt. Das Dorf ist schlicht, wie Doerfer eben sind, mit allen Vorzuegen und allem Kleinglueck des Provinzlebens.
Marko Formanek liest diese Welt mit einer Erdung, die dazu passt. Seine Stimme hat Substanz, er fluestert nicht dauernd bedeutsam, sondern erzählt mit dem entspannten Duktus eines Mannes, der die Geschichte selbst geniesst. Die verschiedenen Figuren, von Sterns Kollegen bis hin zu den aberglaeuubischen Dorfbewohnern, werden erkennbar voneinander abgesetzt, ohne dass Formanek in Karikaturen verfaellt.
Oskar Stern, der zuverlassige Zweifler
Der Ermittler selbst ist kein Genie im Sherlock-Modus, kein traumatisierter Einzelkaempfer. Stern ist ein ordentlicher, erfahrener Polizist, der seinen Job macht und dabei ein gesundes Mass an Skepsis mitbringt. Als die Vampire-Theorie sich im Ort verselbstaendigt und sogar im Internet kursiert, bleibt er der pragmatische Gegenpol. Genau das macht ihn sympathisch. Rezensentin Margit B. bemerkte, der Chefinspektor sei ihr sofort plastisch vor Augen gestanden, und das kann ich bestaetigen: Reichl schreibt Figuren, die man sich vorstellen kann.
Ein kleiner Vorbehalt ist angebracht. Die Aufloesung wurde von einem Leser als « voellig verschroben » beschrieben, und das ist nicht ganz falsch. Das Ende nimmt eine Wendung, die weniger kriminalistisch als psychologisch-grotesk ist. Wer einen lueckenlosen logischen Loesungsweg erwartet, koennte die Haende etwas ratlos ausbreiten. Wer dagegen offen ist fuer eine etwas queere, hintergruendig komische Art der Rache, wird zufrieden sein.
Laengenwuchtel und Lektoratspannen
Die Schwaechen des Buches sind klein, aber real. Das Tempo schwankt gelegentlich. Einige Szenen, besonders die ausgedehnten Ess- und Gespraechspassagen rund um Stern, sind mehr Atmosphaereskizze als Handlungstraeger. Man nimmt sie gerne mit, weil sie den Charme der Reihe ausmachen, aber fuer Hoerer, die Druck und Plot in jedem Kapitel erwarten, koennen sie kurz ins Leere fallen. Zudem wurde ein Lektoratsfehler notiert, der im Druckbuch aufgefallen war: Sterns Mahlzeit verwandelt sich auf halber Seite von Knoedeln zu Kartoffeln. Im Hoerbuch faellt das weniger ins Gewicht, aber es zeigt, dass dieser erste Band einer noch jungen Reihe entstammt.
Fuer eine erste Begegnung mit Eva Reichl und dem Muehlviertel reicht das allemal. Ich habe « Muehlviertler Blut » an diesem Dienstagabend fast vollstaendig durchgehoert und noch am naechsten Morgen die letzten anderthalb Stunden erledigt. Ein Krimi, der sich tragt wie ein gutes Glas regionaler Wein, nicht aufdringlich, nicht banal, einfach gemuetlich-wuenschenswert.
Fuer wen ist dieses Hoerbuch?
Wer Austrian Cozy Crime mag, also Regionalkrimis mit warmem Unterton und etwas Kanten, ist hier richtig. Wer nach einem flotten Pageturner mit maximalem Spannungsaufbau sucht, findet moeglicherweise weniger Angriffspunkte. Fans der fruehen Petra-Hammerl-Krimis oder der Simon-Brach-Reihe werden sich schnell zuhause fuehlen. Wer erstmals in die Reihe einsteigt, kann das hier bedenkenlos tun, ein Vorwissen ist nicht noetig.