Auf einen Blick
- Sprecher: Mike Langhans liest souverän und verleiht Sienna und Eric glaubwürdige Stimmen, kann den melodramatischen Schreibstil aber nicht vollständig kaschieren.
- Themen: Vergangensbewältigung, Lügen und Verrat, familiäres Trauma
- Stimmung: Düster und spannungsgeladen, mit gelegentlichen Längen
- Fazit: Ein solider Edinburgh-Thriller mit packender Grundkonstellation, der durch übertriebene Beschreibungen und Längen etwas an Schlagkraft verliert.
Es war ein trüber Dienstagabend, als ich mich mit dem Kopfhörer auf dem Sofa eingrub und die ersten Minuten von « Lügentod » auf mich einwirken ließ. Edinburgh im Regen, eine Frau, die nach Jahren des Untertauchens zurückkehrt, und ein Sohn, der plötzlich verschwunden ist. Das Szenario hatte sofort Sogkraft.
Mike Langhans, dessen Stimme ich aus früheren Produktionen kenne, übernimmt hier die Erzählung und hält die rund 13,5 Stunden mit einer ruhigen, aber konzentrierten Energie zusammen. Er ist der stärkste Faktor dieses Hörbuchs.
Sienna und Edinburgh: Eine Rückkehr mit Dornen
Die Ausgangssituation ist stark: Sienna kehrt nach Edinburgh zurück, dem Ort, den sie vor Jahren hinter sich ließ. Dann wird ihr Sohn entführt, das Kindermädchen grausam ermordet, und plötzlich steht die Vergangenheit wieder vor ihrer Tür. Der Sonderermittler Eric Butler tritt an ihre Seite, und gemeinsam begibt sich das Duo auf eine Spurensuche, die sie tiefer in ihre eigenen Abgründe führt, als ihnen lieb ist.
Was den Thriller trägt, ist die Konstruktion: Das Netz aus Lügen, das sich um die Handlung legt, ist intelligent gewoben. Die Autorin versteht es, echte schottische Schauplätze einzusetzen, die Atmosphäre erzeugen, ohne touristisch zu wirken. Wer Krimis aus dem Edinburgh-Kosmos kennt, etwa die Rebus-Romane von Ian Rankin, wird sich in dieser rauen, regnerischen Stadt sofort zuhause fühlen, auch wenn der Ton hier deutlich konventioneller ist.
Das Melodrama-Problem
Und hier muss ich ehrlich sein. Mehrere Rezensenten haben es angesprochen, und ich kann es nicht übergehen: Der Schreibstil ist stellenweise schwer übertrieben. Erwachsene Figuren, die sich die Haare raufen, mit offenem Mund staunen und sich die Augen reiben, das mag in manchen Genres funktionieren. In einem Psychothriller, der auf Glaubwürdigkeit setzt, wirkt es deplatziert. Rezensentin Eska Pade schreibt von einer Adjektivflut, die regelrecht ermüdet, und ich verstehe diesen Einwand.
Dazu kommen Passagen, die sich in die Länge ziehen. Die Handlung ist stark genug, um mit 100 Seiten weniger auszukommen, wie eine andere Rezensentin treffend anmerkte. Langhans macht das Beste daraus, seine Stimme diszipliniert und klar, aber auch er kann den Text nicht kürzen, er kann ihn nur tragen.
Was die Geschichte am Ende trägt
Trotz alledem ist es kein schwaches Hörbuch. Die zentrale Frage, ob Siennas totgeglaubter Vater tatsächlich hinter den Morden steckt oder ob jemand nur mit ihren Gefühlen spielt, hält die Spannung bis zum Schluss aufrecht. Das ist keine triviale Leistung bei über dreizehn Stunden Laufzeit. Und die Auflösung ist nicht die, mit der man bei Halbzeit rechnet.
Eric Butler als Figur ist interessanter, als man zunächst erwartet. Er hütet ebenfalls ein Geheimnis, und die Dynamik zwischen ihm und Sienna entwickelt sich langsam, aber glaubwürdig. Langhans differenziert die beiden gut voneinander, ohne in Klischees zu verfallen.
Wer einen Thriller sucht, der Spannung liefert und dabei an realen schottischen Schauplätzen verankert ist, bekommt hier, was er erwartet. Wer empfindlich auf ausschweifende Beschreibungspassagen reagiert, sollte die Probe-Hörprobe wirklich erst testen.
Für wen ist dieses Hörbuch?
Wer gerne Thriller mit emotionalen Familiengeheimissen liest und bereit ist, über stilistische Übertreibungen hinwegzuhören, wird hier gut unterhalten. Für absolute Spannung-pur-Hörer, die knappen, präzisen Stil bevorzugen, könnte der Schreibstil auf die Dauer zermürben. Für einen ersten Roman einer Autorin im Bereich Psychothriller ist es ein überzeugender Anlauf. Mike Langhans spricht das Hörbuch mit echter Professionalität.