Auf einen Blick
- Sprecher: Wolfgang Wagner verleiht Leo Wechsler eine ruhige, distinguierte Stimme, die perfekt zum Berlin der frühen Weimarer Republik passt.
- Themen: Klassengegensatz, politische Instabilität der Weimarer Republik, Moralvorstellungen der 1920er Jahre
- Stimmung: Atmosphärisch dicht, gemächlich aufgebaut, sorgfältig recherchiert
- Fazit: Ein eleganter Auftakt einer historischen Krimiserie, der Geduld belohnt und für Fans von atmosphärischen Zeitgemälden gemacht ist.
Es war ein grauer Samstagvormittag, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, einfach einen entspannten Tag einzulegen. Dann habe ich Leo Berlin gestartet, und ehe ich mich versah, war es Nachmittag, und ich saß immer noch mit meiner inzwischen kalten Tasse Kaffee am Schreibtisch. Susanne Gogas Debüt mit Kriminalkommissar Leo Wechsler hat mich nicht losgelassen. Nicht wegen halsbrecherischer Verfolgungsjagden oder blutiger Szenen. Sondern wegen dieser Atmosphäre.
Berlin, 1922. Deutschland ist zerrissen. Der verlorene Krieg liegt noch nicht lang zurück, die Inflation frisst die Menschen auf, und die politischen Spannungen knistern in jedem Gespräch. In dieses Klima hinein führt uns Susanne Goga mit dem Fall eines ermordeten Wunderheilers, der in besseren Kreisen verkehrte und mit einer Jade-Figur erschlagen aufgefunden wird. Keine Spuren, keine Zeugen. Und kurz darauf: ein zweiter Mord, eine ältere Prostituierte in ärmlichen Verhältnissen. Was verbindet diese beiden völlig verschiedenen Welten? Das ist die eigentliche Frage, die mich durch das Hörbuch getragen hat.
Ein Kommissar mit Haltung
Leo Wechsler ist kein Brachial-Ermittler. Er beobachtet, er denkt nach, er urteilt nicht vorschnell. Man merkt, dass Susanne Goga eine Figur erschaffen hat, die sie selbst interessiert, nicht nur eine Funktion, die einen Mordfall löst. Wechslers innere Haltung gegenüber den sozialen Ungleichheiten, die er täglich beobachtet, gibt dem Krimi eine moralische Tiefe, die nicht moralisierend wirkt. Er sieht die arme Tote und die reiche Gesellschaft mit demselben nüchternen Blick, und das ist es, was die Figur für mich trägt.
Wolfgang Wagner als Sprecher versteht das. Er liest Leo Wechsler mit einer ruhigen, kontrollierten Stimme, die niemals aufgeregt klingt, aber immer präsent bleibt. Keine Theatralik, kein Hochdramatisieren. Ich habe selten einen Sprecher erlebt, der so konsequent im Dienst der Atmosphäre steht und nicht im Dienst seiner eigenen Darbietung. Für einen Krimi dieser Art ist das genau richtig.
Der Vergleich, dem man nicht entkommt
Wer den Gereon-Rath-Zyklus von Volker Kutscher kennt, wird Leo Berlin mit diesem vergleichen. Das ist unvermeidlich. Beide spielen im Berlin der 1920er Jahre, beide verbinden historisches Kolorit mit kriminalistischer Handlung. Ein Rezensent auf der Plattform bringt es treffend auf den Punkt: Gogas Buch sei eine ruhigere, weniger dramatisch aufgeladene Version dieser Welt. Das stimmt. Leo Berlin hat nicht die erzählerische Wucht der Kutscher-Romane, aber das ist auch keine Schwäche. Es ist eine andere Entscheidung. Goga interessiert sich für das Leise zwischen den Ereignissen, für die gesellschaftlichen Strukturen, die einen solchen Mord erst möglich machen.
Wer also Kutschers rasantes Erzähltempo als Maßstab ansetzt, wird enttäuscht sein. Wer sich dagegen für ein sorgfältig gezeichnetes Zeitbild interessiert, bei dem die Ermittlung der Rahmen ist und nicht der Hauptzweck, der wird sehr zufrieden nach Hause gehen.
Was das Hörbuch besonders macht
Historische Krimis laufen als Hörbuch besonders dann gut, wenn der Sprecher die Epoche verinnerlicht hat. Wolfgang Wagner gelingt das. Er klingt weder altmodisch gestelzt noch modern aufgesetzt. Es ist dieser schwierige mittlere Weg, der eine Figur aus dem Jahr 1922 für Ohren im Jahr 2025 glaubwürdig macht. Die knapp acht Stunden Laufzeit vergehen ohne Leerlauf. Das liegt auch daran, dass Goga die Nebenhandlungen nicht aufbläht. Jede Szene trägt etwas zur Lösung bei, selbst wenn man das erst im Nachhinein erkennt. Der Rezensent LM schreibt: Ein Mosaiksteinchen nach dem anderen führt immer näher an die Lösung. Genau das ist es.
Eine Anmerkung noch zur Serie: Mehrere Rezensenten berichten, dass Leo Berlin erst der Anfang ist und die Bücher mit jedem weiteren Band stärker werden. Ein Rezensent, der anfangs skeptisch war, hat am Ende vier Bände in Folge gehört und seine ursprüngliche Einschätzung revidiert. Das ist kein schlechtes Zeichen für eine Reihe, die man gerade beginnt.
Für wen ist dieses Hörbuch geeignet?
Wer atmosphärische historische Krimis schätzt, die Zeit nehmen und nicht hetzen, ist hier sehr gut aufgehoben. Wer Werke wie die Gereon-Rath-Serie oder Bernie-Gunther-Romane liebt, aber einen ruhigeren, psychologisch orientierten Einstieg sucht, findet in Leo Wechsler eine lohnende Alternative. Auch als Einstieg in das Genre taugt Leo Berlin gut.
Wer dagegen schnelle Auflösungen, viel Action oder reißerische Wendungen erwartet, wird sich nach den ersten Kapiteln fragen, ob er zum richtigen Buch gegriffen hat. Das ist keine Kritik an Gogas Krimi, sondern eine Orientierungshilfe.