Auf einen Blick
- Sprecher: Achim Buch liest solide und professionell durch alle Tonlagen und trägt auch die ruhigeren Passagen der ersten Hälfte ohne Ermüdungserscheinungen.
- Themen: Vermisste Tochter, toxische Abhängigkeiten, hartnäckige Ermittlerarbeit
- Stimmung: Düster und psychologisch dicht, mit langsam steigender Spannung
- Fazit: Ein vielversprechender Serienauftakt mit einem traumatisierten Ermittler und einem See voller Geheimnisse.
Ich hab dieses Hörbuch an einem langen Donnerstagnachmittag begonnen, mit der leisen Absicht, es in mehreren Etappen über die Woche zu verteilen. Das hat nicht ganz funktioniert. Nicht, weil Anna Jansson mich von der ersten Minute an nicht losgelassen hätte, sondern weil der erste Teil von « Leichenschilf » die Geduld tatsächlich auf eine Art fordert, die sich am Ende auszahlt. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe.
Anna Jansson ist in Deutschland vor allem als Schöpferin von Maria Wern bekannt, der Ermittlerin auf Gotland, die auch als Fernsehserie umgesetzt wurde. Mit Kristoffer Bark beginnt sie eine neue Reihe. Gleicher nordischer Schauplatz, anderes emotionales Register: Bark ist kein funktionaler Ermittler mit gelegentlichem Privatleben. Er ist ein Mann, der jeden Karfreitag am Ufer des Hjälmarensees steht und auf seine verschwundene Tochter wartet.
Ein See und fünf Jahre Ungewissheit
Vor fünf Jahren verschwand Vera Bark am Abend ihrer Junggesellinnenfeier, nachdem sie auf den See hinausgerudert war. Keine Leiche, keine Spur, kein Abschluss. Kristoffer Bark hat diesen Verlust nicht verarbeitet. Er kann es nicht. Was ihn antreibt, ist nicht Hoffnung im klassischen Sinn, sondern die Unfähigkeit, aufzuhören zu suchen.
Als eine Tote auftaucht, die Vera verblüffend ähnlich sieht, weigert sich Bark, das als Zufall zu akzeptieren. Niemand bei der Polizei glaubt ihm. Das Buch ist klug darin, wie es diesen institutionellen Widerstand inszeniert: Bark ist nicht einfach ein Außenseiter, der brillant gegen das System kämpft. Er ist jemand, dem man zu Recht misstraut, weil seine persönliche Verstrickung in den Fall offensichtlich ist. Ob er trotzdem recht hat, ist lange die eigentliche Frage.
Die erste Hälfte braucht Zeit
Ich muss ehrlich sein: bis etwa zur Mitte des Hörbuchs hat mich « Leichenschilf » nicht mitgerissen. Die Exposition ist ausführlich. Barks private Umstände, sein Verhältnis zu seiner alkoholkranken Frau, die verschiedenen Nebencharaktere mit ihren eigenen Problemen: Jansson legt viel Grundlage, bevor die Handlung wirklich anzieht. Eine Rezension beschreibt das als eher öde und attestiert Wiederholungen. Das ist ein bisschen hart, aber nicht vollständig falsch.
Ein Rezensent verglich Bark mit Carl Morck aus Jussi Adler-Olsens Q-Reihe und stellte fest, dass sich bestimmte Elemente vertraut anfühlen: der traumatisierte Sonderermittler, die Therapeutin im Hintergrund, die toxischen Beziehungen um den Protagonisten. Es stimmt, dass diese Bausteine im skandinavischen Krimigenre bekannt sind. Was Jansson daraus macht, ist trotzdem eigenständig genug, um weiterzuhören.
Achim Buch hält den langen Atem
Achim Buch spricht das Hörbuch mit einer professionellen Ruhe, die gut zu dem Material passt. Er dramatisiert nicht, wo Jansson nicht dramatisiert. Das ist die richtige Entscheidung, denn das Buch lebt nicht von Hochspannung, sondern von psychologischer Dichte. Dass Buch auch die eher expositiven Passagen der ersten Hälfte trägt, ohne dass man das Tempo als Strafe empfindet, ist eine echte Leistung bei einer Laufzeit von fast vierzehn Stunden.
Die zweite Hälfte gehört ganz der Ermittlung. Das Tempo zieht an. Verbindungen zwischen den Fällen werden sichtbar. Der Hjälmaren gibt seine Geheimnisse nicht leicht preis, und als er es tut, ist die Auflösung gut genug konstruiert, dass man die erste Hälfte im Nachhinein anders liest.
Ein Serienauftakt mit echtem Potential
« Leichenschilf » ist kein Hörbuch für einen entspannten Urlaub. Es ist Skandinavien-Krimi in seinem ernsthaften Sinn: psychologisch belastet, menschlich kompliziert, mit einem Protagonisten, den man nicht einfach mag, aber dem man trotzdem folgt. Wer Janssons Maria-Wern-Reihe schätzt und mit einem etwas düstereren Ermittler klarkommt, ist hier gut aufgehoben.
Wer schnelle Auflösungen und einen Protagonisten ohne Ecken und Kanten sucht, wird mit Bark weniger Freude haben. Und wer wenig Geduld für langsam aufbauende erste Hälften mitbringt, sollte das wissen, bevor er die fast vierzehn Stunden beginnt.