Auf einen Blick
- Sprecher: Ursula Berlinghof liest mit ruhiger Sachlichkeit, die dem wissenschaftlichen, aber zugänglichen Ton der Autorin entspricht.
- Themen: Forensische Psychiatrie, Gewalt und ihre Ursachen, Menschlichkeit im Strafrecht
- Stimmung: Nachdenklich und ernst, ohne Sensationslust
- Fazit: Ein stilles, ernstes Hörbuch über das Böse in der Normalität — besonders für alle, die True Crime satt haben und echten Einblick in forensische Psychiatrie suchen.
Ich war auf der Zugfahrt nach Frankfurt, als ich die ersten Kapitel von « Jeder kann zum Mörder werden » hörte. Der Titel hatte mich irritiert — er klingt nach Thriller-Klappentext, nach Reißer. Dann begann Nahlah Saimeh zu erzählen, und der Zug fuhr durch Felder, und ich dachte: Das ist das Gegenteil von einem Reißer.
Saimeh ist forensische Psychiaterin. Sie hat Menschen begutachtet, die andere getötet haben. Sie hat im Gericht ausgesagt und in der forensischen Psychiatrie gearbeitet. Was sie in diesem Buch erzählt, ist das Ergebnis von Jahren dieser Arbeit — und es ist das, was man nach dem Lesen des Titels am wenigsten erwartet: zurückhaltend, mitfühlend, ohne Effekthascherei.
Der irreführende Titel als inhaltliche Aussage
Mehrere Rezensenten auf Amazon haben das Paradox dieses Buches gut beschrieben: Der Titel ist falsch, das Buch ist richtig. « Jeder kann zum Mörder werden » ist eine provokante Vereinfachung, und Saimeh selbst weiß das am besten. Was sie eigentlich zeigen will, ist etwas Nuancierteres: dass Gewalt selten monströs und meistens profan ist, dass Selbsthass, Einsamkeit, Eifersucht und Angst als Motive häufiger sind als kalkulierte Boshaftigkeit, und dass genau das eine Gesellschaft dazu verpflichtet, ihre Menschlichkeit zu bewahren.
Sie schildert Fälle aus ihrer Praxis — darunter einen Mann, der seine Frau ersticht und ihre Leiche verbrennt, eine Frau, die ihre neugeborenen Kinder tötet und im Kleiderschrank versteckt. Diese Fälle sind erschütternd, aber Saimeh behandelt sie nicht als Spektakel. Sie fragt immer: Welche psychische Störung lag vor? War die Person schuldfähig? Was sagt das über das Verhältnis zwischen Normalität und Abweichung aus?
Ursula Berlinghofs Sprechleistung im Kontext des Themas
Ursula Berlinghof liest das Hörbuch mit einer Sachlichkeit, die dem Sujet gerecht wird. Sie bremst dort, wo Saimeh reflektiert, und beschleunigt nicht dort, wo der Stoff dramatisch werden könnte. Das ist eine kluge Entscheidung für dieses Material. Ein Hörbuch über forensische Psychiatrie braucht keine dramatische Intonierung — das würde die Würde der dargestellten Fälle untergraben. Berlinghof hält die Linie, und das 8 Stunden und 16 Minuten durch.
Ein Rezensent kritisiert, die Fälle seien « nur unzureichend » miteinander verbunden, und da ist etwas dran: Saimeh springt zwischen Falldarstellung und psychiatrisch-theoretischer Rahmung, ohne dass immer eine klar verbindende These formuliert wird. Das ist kein gravierendes Problem, macht aber die Lektüre gelegentlich fragmentarischer, als sie sein könnte.
Was dieses Buch von True Crime unterscheidet
Das Unbehagen, das ich nach manchen True-Crime-Podcasts habe — das Gefühl, Leid wird zur Unterhaltung aufbereitet — hatte ich hier nicht. Saimeh reflektiert explizit über ihre eigene Rolle als Gutachterin, über die Frage, was es bedeutet, über einen anderen Menschen zu urteilen, und über die Grenzen psychiatrischer Kategorien. Das gibt dem Hörbuch eine ethische Dimension, die den meisten populären True-Crime-Formaten fehlt.
Die 4,4-Sterne-Bewertung bei 653 Rezensionen ist ein gutes Signal: Das Buch findet sein Publikum. Wer echter forensischer Psychiatrie näher kommen möchte, ohne Sensationslust befriedigt zu bekommen, liegt hier richtig. Wer Action-True-Crime sucht, liegt falsch. Das Buch ist leise und nachdenklich — genau die richtige Tonlage für ein Thema, das schnell in die falsche Richtung kippen kann.