Auf einen Blick
- Sprecher: Jörg Nießen liest seine eigenen Geschichten — und das hört man im besten Sinne: persönlich, trocken, mit echtem Insiderwissen im Ton.
- Themen: Absurde Notrufe und Fehlalarme, Grenzen der Rettungskräfte, gesellschaftliche Gedankenlosigkeit
- Stimmung: Humoristisch mit ernstem Unterton, nachdenklich trotz vielem Schmunzeln
- Fazit: Wer verstehen will, wie es wirklich zugeht, wenn jemand die 112 wählt, weil er auf Google Maps Rauch sieht, bekommt hier 5,5 Stunden ehrliches Zeugnis aus erster Hand.
Ich habe Jackie hat Hirn erbrochen an einem Sonntagnachmittag angefangen, weil ich nach etwas Leichtem gesucht habe. Nach der ersten Stunde war mir klar, dass es das nicht ist. Nicht weil es schlecht wäre — im Gegenteil. Sondern weil Jörg Nießen unter dem komischen Titel und dem humoristischen Ton etwas Schweres ablegt: die Erschöpfung von jemandem, der seit vielen Jahren ein System trägt, das andere gedankenlos belasten.
Nießen ist Feuerwehrmann, Notfallsanitäter und, mit über 250.000 verkauften Büchern, der meistgelesene Autor im Genre der Feuerwehrliteratur. Dieses sechste Buch folgt dem bewährten Muster seiner Vorgänger: Geschichten aus dem Dienst, arrangiert ohne falsches Pathos, erzählt mit dem spezifischen Humor von jemandem, der weiß, dass er manchmal lachen muss, weil das die einzige Alternative zu etwas Schlimmerem ist.
Was hinter dem Schmunzeln steckt
Der Titel spielt auf eine echte Geschichte an — ein Fall, der so absurd ist, dass man kaum glaubt, er sei wahr. Solche Momente gibt es viele: Notrufe wegen einer Rauchsäule auf Google Maps. Senioren, die Drogen ausprobieren und danach persönliche Betreuung wünschen. Menschen, die den Notruf besetzen, weil sie nicht einschlafen können. Die Geschichten sind witzig in der Art, wie Dinge witzig sein können, wenn man das Schlimmste wegdenkt.
Was Nießen gut macht: Er gibt diesen Menschen keine einfachen Etiketten. Er ist wütend, ja, manchmal sehr. Aber er erklärt auch, warum er versteht, dass es so ist. Er verweist auf eine Gesellschaft, die zunehmend die Fähigkeit verliert, eigene Probleme zu lösen, auf Technik, die Entscheidungen wegnimmt, auf Einsamkeit, die Menschen zu unnötigen Notrufen treibt. Das ist kein Entschuldigen, aber es ist ein Einordnen. Und das ist mehr, als viele Bücher dieser Art leisten.
Wenn der Autor selbst liest
Nießen liest sein eigenes Buch. Das ist in diesem Fall kein Kompromiss, sondern eine Stärke. Man hört den Typen hinter den Geschichten. Den Mann, der diese Schichten selbst erlebt hat, der weiß, wie ein Einsatz riecht, und der die Ungläubigkeit in seiner Stimme nicht spielen muss, weil sie echt ist. Es gibt Stellen, da ist ein leises Lachen in seinem Ton, bevor er selbst beschreibt, wie absurd eine Situation war. Das kann kein Fremdsprecher reproduzieren.
Die Sprechqualität ist professionell, die Produktion sauber. Nießen ist kein ausgebildeter Sprecher, aber er ist ein natürlicher Erzähler — und für diese Art von Buch ist das mehr wert. Man setzt sich zu jemandem in die Küche, nicht in einen Aufnahmeraum.
Erschütternd und erhellend zugleich
Eine Rezension, die mich getroffen hat, stammt von jemandem, der nach fast zwanzig Jahren als Rettungssanitäter aufgehört hat. Er schreibt, dass er sich in vielen Geschichten wiedererkannt hat, und dass er versteht, was Nießen meint, wenn er von Resignation als unweigerlichem Ergebnis schreibt. Das ist kein Spaßbuch. Es ist ein Buch, das Humor als Vehikel benutzt, um etwas Trauriges sagbar zu machen.
Nießen würde das wahrscheinlich nicht so sagen. Er würde sagen, er erzählt einfach Geschichten. Aber gute Sachbuchliteratur tut genau das: Sie lässt die Lesenden selbst schlußfolgern. Jackie hat Hirn erbrochen tut das in fast sechs Stunden, ohne einmal langweilig zu werden.
Wer sollte es hören, wer kann es sich sparen
Das Hörbuch ist für alle geeignet, die sich für das Innenleben der Rettungsdienste interessieren, für gesellschaftliche Beobachtungen mit humoristischer Verpackung oder für Nießens bisherige Bücher bereits Sympathien haben. Wer rein auf Lacher aus ist und keine Bereitschaft mitbringt, nachzudenken, wird nach der Hälfte unbefriedigt bleiben. Wer beides kann, bekommt eines der ehrlichsten Hörbücher des Genres.