Auf einen Blick
- Sprecher: Frank Arnold trägt Tom Clancys komplexes Figurenpanorama mit Souveränität und gibt dem dichten geopolitischen Material die nötige Klarheit.
- Themen: Geopolitik, Geheimdienst, Machtpolitik
- Stimmung: Gewichtig, detailverliebt und zunehmend spannend
- Fazit: Ein Pflichtwerk für Fans der Jack-Ryan-Reihe, aber kein Einstiegspunkt. Wer Clancys epische, detailreiche Art schätzt, findet hier einen seiner ambitioniertesten Romane.
Sechsundvierzig Stunden. Ich sage das nicht, um abzuschrecken, sondern weil diese Zahl alles erklärt, was man über Im Zeichen des Drachen wissen muss, bevor man sich darauf einlässt. Tom Clancy schreibt keine Bücher, er konstruiert Welten. Und Frank Arnold, der das Hörbuch spricht, wird für die Dauer dieser Welt zu einem Begleiter, dem man sich anvertrauen muss. Ich habe das Hörbuch über mehrere Wochen auf langen Zugfahrten und abendlichen Spaziergängen gehört, und diese Portionierung war genau richtig.
Im Zeichen des Drachen, im Original The Bear and the Dragon aus dem Jahr 2000, ist der elfte Roman der Jack-Ryan-Serie. Das ist keine unwichtige Information. Wer die Reihe nicht kennt, wird die ersten Stunden damit verbringen, ein Figurenpanorama zu entwirren, das Clancy für bestehende Leser geschrieben hat.
Ein Szenario, das zwanzig Jahre nach Erscheinen aktueller wirkt als je zuvor
Clancys Handlung dreht sich um ein fehlgeschlagenes Attentat auf den Chef des russischen Geheimdienstes, das eine globale Krise auslöst. Präsident Jack Ryan steht vor der Entscheidung, seinen schärfsten Antiterrorspezialist John Clark einzusetzen. Im Hintergrund drängt China als aufstrebende Weltmacht. Das Szenario wurde 2000 entworfen, und heute, beim Hören im Jahr 2026, wirkt es mit einer Aktualität, die einen kurz innehalten lässt. Rezensent Armin B. formuliert das treffend: Man findet immer wieder Parallelen zum heutigen Weltgeschehen.
Das ist das Faszinierende an Clancy. Er war kein Prophet, aber er war ein akribischer Beobachter. Seine Bücher lesen sich wie Szenarien, die von jemandem entworfen wurden, der nicht schreibt, um zu unterhalten, sondern um Komplexität zu durchdenken. Das hat seinen Preis in der Zugänglichkeit, aber wer sich einlässt, bekommt etwas, das weit über Spannung hinausgeht.
Frank Arnold und die Last des Epischen
Frank Arnold ist einer der erfahrensten deutschen Hörbuchsprecher für epische Stoffe, und das hört man. Er moduliert nicht nach Gutdünken, er dient dem Text. Bei einem Buch von dieser Länge und Dichte, mit zahllosen Charakteren aus unterschiedlichen Kulturkreisen, ist das keine Selbstverständlichkeit. Arnold gibt dem Roman eine konsistente Klangidentität, ohne einzelne Figuren zu karikieren. Präsident Jack Ryan klingt nach dem nüchternen Pragmatiker, der er im Roman ist. John Clark behält seine Kantigkeit.
Rezensent Amazon Kunde erwähnt, dass die ersten hundert Seiten sich zäh anfühlen. Das stimmt. Clancy liebt Exposition, und gerade in diesem Band nimmt er sich viel Zeit für das politische Bühnenbild, bevor das eigentliche Geschehen anlaufen kann. Als Hörbuch bedeutet das einige ruhige Stunden, bevor Frank Arnold die ersten richtig dichten Szenen in den Raum stellt. Wer das weiß und sich vorbereitet, kommt besser durch.
Was an diesem Roman auch Kritik verdient
Es wäre unfair, nicht zu erwähnen, was Rezensent FF bereits 2015 ansprach: Clancy neigt in seinen späteren Romanen zu einem Schwarzweißbild, in dem Amerika die moralische Ultima Ratio darstellt, während die Gegner aus dem Osten mal böse, mal schwach und hilflos sind, je nach Dramaturgiebedarf. Das ist in Im Zeichen des Drachen spürbar. Die russischen Figuren oszillieren zwischen Opferrolle und Bedrohung, die chinesische Seite wird kaum mit innerer Komplexität ausgestattet.
Wer diese politische Einfärbung stört, wird sich gelegentlich reiben. Wer Clancy als das liest oder hört, was er ist, nämlich ein US-amerikanischer Thriller-Autor aus dem Kalten Krieg, der bestimmte Weltbilder mitbringt, kann damit umgehen. Ich fand es erhellend, diese Reibung einfach stehenzulassen, als Teil dessen, was das Buch ist.
Wer hören sollte und wer besser woanders anfängt
Wer die Jack-Ryan-Reihe bisher nicht kennt, sollte nicht hier anfangen. Der Roman ist der elfte Band, und ohne die Vorgeschichte fehlt der emotionale Hintergrund für viele Entscheidungen der Figuren. Für Fans der Reihe ist Im Zeichen des Drachen ein ambitionierter, hoch aktuell gebliebener Band, der mit Frank Arnolds Stimme zu einer echten Hörerfahrung wird. Wer politische Thriller schätzt und bereit ist, Clancys epische Geduld mitzumachen, wird über dreißig Stunden nach dem langsamen Einstieg bestens bedient.