Auf einen Blick
- Sprecher: Simon Jäger findet den richtigen Ton für Bobs nerdige, selbstironische Erzählerstimme und hält auch die technisch dichten Passagen angenehm zugänglich.
- Themen: Bewusstsein und Identität, Einsamkeit zwischen den Sternen, künstliche Intelligenz und Menschlichkeit, erste Kolonisierung fremder Welten
- Stimmung: Locker und abenteuerlich mit philosophischen Untiefen, die sich unmerklich auftun
- Fazit: Der perfekte Einstieg in die Bobiverse-Reihe: gedanklich anregend, unterhaltsam und mit einer Hauptfigur, die man nach elf Stunden ungern loslässt.
Ich erinnere mich noch genau, wie mir « Ich bin viele » zum ersten Mal empfohlen wurde. Ein Bekannter aus einem Online-Buchclub schrieb mir: « Das ist Science-Fiction für Leute, die eigentlich keine Science-Fiction mögen, aber auch für Leute, die sie in- und auswendig kennen. » Ich gehöre eher zur ersten Gruppe, also war meine Skepsis groß. Elf Stunden Science-Fiction, ein Held der kein Mensch mehr ist, Planetenerkundung. Das klang nach Arbeit.
Dann fing Simon Jäger an zu lesen, und innerhalb der ersten zehn Minuten war ich bei Bob. Nicht wegen der Prämisse. Sondern wegen der Stimme.
Bob: Software-Millionär, Raumfahrtpionier, unfreiwillige KI
Dennis E. Taylor hat mit Bob Johansson eine Figur erschaffen, die in der Science-Fiction ungewöhnlich ist: einen Protagonisten, der seine eigene absurde Situation konsequent mit trockenem Humor kommentiert. Bob verkauft seine Softwarefirma, unterschreibt einen Kryonik-Vertrag (Einfrierung nach dem Tod) und wird prompt beim Überqueren der Straße überfahren. Hundert Jahre später wacht er als Künstliche Intelligenz auf, stellt fest, dass er Staatseigentum ist, und bekommt seinen ersten Auftrag: bewohnbare Planeten finden. Wer versagt, wird abgeschaltet.
Das klingt nach bitterem Stoff. Ist es aber nicht. Taylor ist ein Autor, der mit großen philosophischen Fragen spielt, ob Bewusstsein an einen Körper gebunden ist, was von einer Person bleibt, wenn man sie digitalisiert, was Einsamkeit auf kosmischer Ebene bedeutet, und das alles verpackt in die Stimme eines Mannes, der Star-Trek-Referenzen macht und seine KI-Replikanten nach Figuren aus Zeichentrickserien benennt. Es ist diese Kombination, die das Buch so wirkungsvoll macht.
Der Nerd-Faktor: Stärke oder Hürde?
Eine Rezensentin hat es treffend beschrieben: Um alle Anspielungen und Namengebungen vollständig zu genießen, ist es von Vorteil, Fan älterer Serien wie Star Trek oder Star Wars zu sein. Das stimmt. Wer diese Referenzen kennt, wird regelmäßig schmunzeln. Wer sie nicht kennt, verpasst eine Schicht des Humors, verliert aber den Faden der Geschichte nicht. Taylor erklärt nicht und entschuldigt sich nicht für seine popkulturelle Verwurzelung. Das ist erfrischend, kann aber auch bedeuten, dass manche Passagen über den Kopf gehen.
Was mich überraschte: Wie wenig mich das gestört hat. Ich kenne mich im Science-Fiction-Kanon nicht besonders gut aus. Trotzdem war ich nie außen vor. Die eigentliche Geschichte ist universell genug, sie handelt von einem Wesen, das allein in einem unfassbaren Universum navigiert und dabei versucht herauszufinden, wer oder was es eigentlich noch ist, dass sie ohne das Insider-Wissen funktioniert.
Simon Jäger und das Problem der langen SF-Erzählerstimme
Science-Fiction-Hörbücher stellen besondere Anforderungen an Sprecherinnen und Sprecher. Es gibt oft Passagen, in denen technische Konzepte erklärt werden, Gravitationsphysik, Raumfahrtmechanik, Fragen zur Replikation von Bewusstsein. Diese Abschnitte können in einer zu feierlichen oder zu didaktischen Lesestimme schnell ermüdend wirken. Simon Jäger löst dieses Problem elegant: Er liest diese Passagen mit derselben leichten, selbstironischen Energie wie die Dialogszenen. Bob erklärt einem seine Situation, wie ein kluger Freund erklärt, warum sein Job gerade komisch ist. Nicht wie ein Lehrbuch.
Jäger gibt Bob eine klare, unverwechselbare Stimme. Wenn sich Bob ab einem bestimmten Punkt in der Geschichte verdoppelt und weitere Versionen von sich selbst entstehen, jede mit leichten Charakterabweichungen, bleibt Jäger der gemeinsamen Grundlinie treu und schafft trotzdem Nuancen. Das ist handwerklich stark.
Was die Geschichte trägt und was sie nicht auflöst
« Ich bin viele » ist das erste Buch der Bobiverse-Reihe. Taylor lässt verschiedene Handlungsstränge entstehen, Bobs Erkundungsreisen, die politische Situation auf einer postapokalyptischen Erde, erste Kontakte mit anderen Spezies, und beendet manche davon nicht vollständig in diesem Band. Das ist kein Fehler, das ist die Struktur einer Reihe. Wer mit Band eins abgeschlossen haben will, wird ein paar offene Fragen mit sich tragen. Wer neugierig ist, wie es weitergeht, greift zu Band zwei.
Ein ehrlicher Hinweis: Die Pacing-Kurve ist nicht gleichmäßig. Einige Rezensenten weisen darauf hin, dass die Spannung im Mittelteil leicht nachlässt, wenn Taylor verschiedene Parallelstränge aufbaut. Das ist treffend beobachtet. Die ersten und letzten Stunden sind die stärksten. Der Mittelteil ist interessant, aber etwas weitläufiger. Für elf Stunden insgesamt ein vertretbares Verhältnis.
Für wen ist dieses Hörbuch geeignet?
« Ich bin viele » ist ein idealer Einstieg in die Bobiverse-Reihe und ein ausgezeichneter Einstieg ins SF-Genre für Lesende, die bisher wenig mit ihm anfangen konnten. Die Nerd-Referenzen sind ein Bonus, kein Pflichtprogramm. Wer dagegen nach harter, kompromissloser Hard-SF sucht und philosophische Leichtigkeit als Schwäche empfindet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Wer eine kluge, gut erzählte Geschichte über Bewusstsein, Einsamkeit und kosmische Demut sucht, ist hier genau richtig.