Auf einen Blick
- Narration: Julia Preuß liest Nadia Murads Zeugnis mit der nötigen Zurückhaltung: keine dramatischen Effekte, kein aufgesetztes Pathos, nur eine Stimme, die dem Text erlaubt, sein eigenes Gewicht zu tragen.
- Themen: Völkermord und Überlebenszeugnis, Gerechtigkeit als politischer Kampf, jesidische Identität und Gemeinschaft
- Stimmung: Schwer, klar und von dringlicher Bedeutung
- Urteil: Ein Hörbuch, das man nicht für eine angenehme Stunde auflegt, sondern weil man verstehen will, was passiert ist und was noch passiert.
Ich hatte Ich bin eure Stimme seit Monaten auf meiner Liste. Nicht weil mir das Thema fremd war, ich kannte die Eckdaten, den IS-Überfall auf das jesidische Dorf Kocho im August 2014, die Versklavung von Frauen und Mädchen, den Friedensnobelpreis 2018. Aber Eckdaten und Zeugnis sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich legte das Hörbuch an einem Freitagmorgen auf, ohne eine klare Vorstellung davon, was mich erwartete. Bis zum frühen Nachmittag konnte ich nicht aufhören.
Nadia Murad erzählt nicht als Opfer und nicht als Heldin. Sie erzählt als junge Frau, die in einem Dorf aufgewachsen ist, das eine funktionierende Gemeinschaft war, und die beschreibt, wie dieser Zustand existiert hat, bevor sie beschreibt, wie er aufgehört hat zu existieren. Das ist die klügste Entscheidung des Buches: Der Leser lernt Kocho als Ort kennen, bevor er zerstört wird. Die Schläge treffen dann anders, weil man weiß, was verloren gegangen ist.
Das Zeugnis als politische Handlung
Murads Geschichte endet nicht mit der Flucht. Sie beginnt dort. Der zweite Teil des Buches verfolgt ihren Weg von einem Flüchtlingslager nach Deutschland und dann in die internationale Öffentlichkeit: Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen, Vaclav-Havel-Preis, Friedensnobelpreis. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte, aber Murad lässt keine Zweifel daran, dass nichts davon ein Ausgleich für das Verlorene ist. Ihr Ziel ist nicht Anerkennung für sich selbst, sondern die juristische Anerkennung der IS-Verbrechen als Völkermord und die Strafverfolgung der Verantwortlichen vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Das ist ein spezifisches, politisches Ziel, und die Art, wie sie es formuliert, gibt dem Buch seine eigentliche Dringlichkeit.
Rezensent Wolfhound hat in seiner Rezension etwas Wichtiges beschrieben: Der Text beginnt mit einer fast sachlichen Normalität, als wäre es immer so gewesen, und taucht den Leser dann unvermittelt in etwas, das unwirklich wirkt. Das ist kein rhetorisches Mittel, das Murad gewählt hat, um Effekt zu erzielen. Das ist, wie das Erlebnis war.
Was die Autorin nicht auslässt und was sie bewusst nicht ausspricht
Rezensent Mano hat angemerkt, dass Murad die schlimmsten Szenen nicht immer bis ins letzte Detail ausbuchstabiert. Das ist eine Grenze, die sie selbst zieht, und sie ist das Recht der Zeugin. Was sie beschreibt, reicht weit über das hinaus, was man sich vorstellen möchte. Was sie nicht beschreibt, lässt die Vorstellungskraft des Lesers die Arbeit übernehmen. Das Ergebnis ist oft schwerer als jede explizite Schilderung.
Zehn Stunden und dreiundfünfzig Minuten sind für ein Zeugnis dieser Dichte angemessen. Das Buch braucht Zeit. Es ist nicht so strukturiert, dass man zwanzig Minuten hören und dann eine Pause machen kann, ohne den Faden zu verlieren; die emotionale Kontinuität ist wichtig. Ich empfehle, sich bewusst Zeit zu nehmen, anstatt es in Fragmenten zu konsumieren.
Julia Preuß und die Kunst der Zurückhaltung
Julia Preuß ist hier eine Erzählerin, die das Richtige tut: Sie verschwindet hinter dem Text. Kein Tremolo in den schwierigen Passagen, keine melodramatischen Absenkungen, kein Signalisieren von Emotion, das den Hörer in eine bestimmte Reaktion drängt. Sie liest Murad wie jemanden, dem man zuhört, nicht wie jemanden, dem man beim Leiden zuschauen soll. Das ist die einzig vertretbare Entscheidung für dieses Buch, und Preuß trifft sie konsequent.
Für wen dieses Buch ist
Ich bin eure Stimme ist kein einfacher Begleiter für Bahnfahrten oder Abendstunden, in denen man sich erholen möchte. Es ist ein Buch, das man mit dem Bewusstsein aufnimmt, dass man danach etwas weiß, das man vorher nicht wusste, und dass dieses Wissen eine Verantwortung hat. Wer bereit ist, diesen Preis zu zahlen, bekommt eines der wichtigsten Zeugnisse der letzten zwei Jahrzehnte in einer sorgfältig produzierten Hörbuchfassung.
Häufig gestellte Fragen
Ist Ich bin eure Stimme trotz der schweren Thematik zugänglich für Menschen, die wenig über die Jesidinnen wissen?
Ja. Murad erklärt die jesidische Gemeinschaft und ihre Geschichte in Kocho, bevor der IS-Überfall beschrieben wird. Man braucht kein Vorwissen über die Region oder die politischen Hintergründe; das Buch baut diesen Kontext selbst auf.
Wie explizit sind die Schilderungen von Gewalt und sexuellem Missbrauch?
Murad schildert die Ereignisse klar genug, dass kein Zweifel über das Erlebte besteht, setzt aber eigene Grenzen bei den explizitesten Details. Die Schilderungen sind eindringlich und schwer, aber nicht voyeuristisch.
Legt Julia Preuß das Buch mit einer bestimmten emotionalen Färbung aus, oder bleibt sie neutral?
Preuß liest bewusst zurückhaltend und ohne aufgesetztes Pathos. Sie überlässt es dem Text, die emotionale Wirkung zu entfalten, und drängt den Hörer nicht in eine vorgegebene Reaktion. Das ist die richtige Entscheidung für dieses Zeugnis.
Endet das Buch mit dem Friedensnobelpreis 2018, oder geht Murad auf den aktuellen Stand der juristischen Aufarbeitung ein?
Das Buch deckt Murads Weg bis zur Verleihung des Friedensnobelpreises ab. Die Originalausgabe erschien 2017, also vor der Preisverleihung, die deutsche Ausgabe enthält eine aktualisierte Fassung. Der Fokus liegt auf Murads politischem Ziel: der internationalen Anerkennung der IS-Verbrechen als Völkermord.