Auf einen Blick
- Narration: Heidenreich liest sich selbst — und das ist der einzig denkbare Weg fuer dieses Buch. Ihre Stimme ist Programm.
- Themes: Lesen als Lebensrettung, weibliche Literatur und ihre Unterschaetzung, Buecher als Bildungsweg
- Mood: Warm und persoenlich, wie ein langes Gespraech mit einer belesenen Freundin
- Verdict: Fuer Buechermenschen, die Elke Heidenreich moegen, ein echtes Vergnuegen — wer breite Leseinspirationen erwartet, koennte enttaeuscht werden.
Mit drei Stunden und achtzehn Minuten ist « Hier geht’s lang! » das kuerzeste Hoerbuch in dieser Runde, und ich habe es an einem einzigen Abend durchgehoert. Das war kein Versehen. Elke Heidenreich hat eine Stimme, bei der man nicht aufhoeren moechte — nicht weil sie besonders weich oder beruhigend ist, sondern weil sie einen direkt anspricht. Sie redet nicht zu einem Publikum, sie redet mit einem. Ich war auf dem Sofa mit einem Glas Wein, und es war, als wuerde mir jemand erzaehlen, welche Buecher sein Leben gemacht haben.
Das ist genau das, was dieses Buch verspricht: eine Lese-Autobiographie. Heidenreich erzaehlt, welche Buecher sie gepraegt haben, welche ihr geholfen haben, welche sie gerettet haben — und warum es vor allem Buecher von Frauen waren. Das ist kein Zufall und kein programmatisches Statement, sondern eine ehrliche Beschreibung eines Lebens mit Literatur, das in der weiblichen Schreibtradition verankert ist.
Was eine Lese-Autobiographie leisten kann — und was nicht
Rezensentin Doris B. war enttaeuscht: zu wenig Leseinspirationen, zu viel Feminismus, zu oberflaechliche Beschreibungen. Das ist ein legitimes Urteil, und ich verstehe es — aber ich glaube, es geht an dem vorbei, was Heidenreich hier eigentlich tut. « Hier geht’s lang! » ist keine Leseliste mit Empfehlungen. Es ist keine kuratierte Hitsammlung der weiblichen Literaturgeschichte. Es ist eine persoenliche Erzaehlung darueber, wie Buecher zu Lebensabschnitten werden, wie eine Lektuere in der Kindheit sich anders anfuehlt als dieselbe in den Dreissigern, wie Autorinnen, die lange als zweitrangig galten, die eigentlich praegende Lektuere sein koennen.
Wer Rezensent Thomas Ramseier zustimmt — « Ach, Elke, wieder ein Buch durchgerattert, ich koennte eeewig lesen » — ist hier genau richtig. Wer Heidenreich nicht kennt oder grundsaetzlich skeptisch gegenueber literarischen Memoiren ist, wird schwerer ankommen.
Elke Heidenreich als Erzaehlerin ihrer selbst
Heidenreich liest das Buch selbst, und das ist nicht verhandelbar. Ihre Stimme ist der Text. Sie macht Pausen, die eine andere Interpretin nicht machen wuerde, betont einzelne Saetze auf eine Weise, die zeigt, dass sie sie selbst gemeint hat — nicht nur formuliert. Das ist fuer Hoerbucher dieser Art — persoenliche Essays, Erinnerungen, subjektive Literaturgeschichte — der entscheidende Unterschied. Wenn Heidenreich ueber eine Szene aus einem Roman spricht, der sie als Kind bewegte, klingt das wie eine Erinnerung, nicht wie eine Beschreibung.
Bei knapp dreieinhalb Stunden ist das auch kein langes Unterfangen. Rezensentin Verena Reisdorf schreibt, sie habe das Buch kaum aus der Hand legen koennen — das trifft die Erfahrung gut. Es gibt kein Zwischentief, keinen Leerlauf. Heidenreich erzaehlt konzentriert, mit vielen konkreten Buchtiteln und Autorinnen, und dem angenehmen Gefuehl, mit jemandem zu sprechen, der mehr gelesen hat als man selbst und das ohne Ueberheblichkeit teilt.
Was fehlt — und warum das kein Fehler ist
Was « Hier geht’s lang! » nicht ist: eine vollstaendige Einfuehrung in die weibliche Literaturgeschichte. Die meisten Buecher, die Heidenreich nennt, werden kurz gestreift, nicht ausfuehrlich besprochen. Wer nach dem Vorbild von langen Einzelrezensionen geht — ein Buch, dreissig Minuten Besprechung — wird sich ungessaettigt fuehlen. Heidenreich schreibt assoziativ, von einem Buch zum naechsten, von einem Lebensabschnitt zum naechsten. Das hat eine eigene Qualitaet. Es liest sich wie ein ehrliches Gespraech, nicht wie eine kuratierte Sendung.
Rezensentin Gillesfrau schreibt: « Das erste Drittel ist soweit ganz nett, dann nimmt der Text Fahrt auf und wird zu was ganz Besonderem. Der Zitatenschatz ist der Wahnsinn. » Das beschreibt die Dramaturgie gut. Die ersten Kapitel sind eher einfuehrend; ab der Mitte, wenn Heidenreich in die Buecher geht, die ihr wirklich wichtig wurden, veraendert sich das Tempo und die Intensitaet. Man hoert diesem Buch bis zum Ende zu, ohne dass es sich zieht.
Fuer wen dieses Hoerbuch ist
Fuer Buechermenschen, die Elke Heidenreich moegen oder kennenlernen wollen. Fuer alle, die sich fuer weibliche Literaturgeschichte interessieren, ohne ein akademisches Werk zu suchen. Fuer Abende, an denen man etwas Persoenliches und dabei Kluges hoeren moechte. Nicht geeignet fuer Hoerer, die eine breite Leseliste oder ausfuehrliche Einzelbesprechungen erwarten.
Häufig gestellte Fragen
Welche Art von Buechern bespricht Heidenreich — gibt es einen Schwerpunkt auf bestimmte Epochen oder Genres?
Heidenreich konzentriert sich auf Buecher von Frauen, quer durch verschiedene Epochen und Genres. Sie nennt viele konkrete Titel und Autorinnen, bespricht diese aber meist kurz und assoziativ, nicht systematisch.
Ist « Hier geht’s lang! » auch fuer Hoerer interessant, die Heidenreich bisher nicht kennen?
Ja, als Einstieg funktioniert es gut — ihr Ton und ihr Umgang mit Literatur erschliessen sich schnell. Wer ihre Kolumnen oder Sendungen kennt, wird ihre Stimme sofort wiedererkennen.
Wie umfangreich ist das Hoerbuch — und eignet es sich fuer einen Durchhoer-Abend?
Mit 3 Stunden und 18 Minuten ist es sehr kompakt und problemlos an einem Abend durchhoerbar. Die dichte Struktur macht lange Pausen kaum noetig.
Ist das Buch trotz seines feministischen Fokus auch fuer Hoerer interessant, die kein explizites Interesse an Frauenliteratur haben?
Mehrere Rezensenten — darunter ein Mann — berichten von unerwarteter Begeisterung. Heidenreich argumentiert nicht programmatisch, sie erzaehlt. Wer offen ist fuer eine persoenliche Literaturgeschichte, wird den Fokus auf Autorinnen eher als Entdeckung denn als Einschraenkung erleben.