Auf einen Blick
- Sprecher: Toby Longworth liefert eine souveräne englischsprachige Darbietung mit kraftvoller, atmosphärischer Stimme, die dem Warhammer-40K-Universum gerecht wird.
- Themen: Loyalität und Verrat, moralischer Verfall, die Frage, wo der Held endet und der Ketzer beginnt
- Stimmung: Düster und beklemmend, mit wachsender Spannung bis zum bitteren Ende
- Fazit: Ein würdiger Abschluss der Eisenhorn-Trilogie, aber ausschließlich etwas für Kenner der Vorgänger und Liebhaber englischsprachiger SF-Hörbücher.
Ich war auf einem langen Abendspaziergang, als ich die letzten Kapitel von Hereticus hörte. Es war schon dunkel, der Wind kam kalt vom Feld, und ich merkte, dass ich langsamer wurde, ohne es bewusst zu wollen. Nicht wegen der Müdigkeit, sondern weil ich nicht wollte, dass diese Geschichte endet. Das passiert mir selten bei einem dritten Band einer Trilogie, wo die Luft eigentlich raus sein sollte.
Vorab ein wichtiger Hinweis: Hereticus ist ein englischsprachiges Hörbuch. Die Aufnahme von Toby Longworth ist im englischen Original, und wer ein deutsches Hörerlebnis erwartet, wird enttäuscht sein. Wer hingegen mit dem Englischen vertraut ist und Dan Abnetts Warhammer-40K-Universum kennt, bekommt hier den dritten und letzten Teil der Eisenhorn-Trilogie in einer Produktion, die sich klanglich wirklich lohnt.
Wenn der Inquisitor selbst zum Verdächtigen wird
Gregor Eisenhorn war in den ersten beiden Bänden ein harter, aber im Grunde gerechter Mann des Imperiums. Ein Inquisitor, der die Grenze zwischen Gut und Böse kennt und respektiert. In Hereticus ist diese Linie verschwommen. Er jagt den ehemaligen Inquisitor Quixos, der offiziell für tot gehalten wird, und dabei greift er zu Mitteln, die ihn selbst in den Augen seiner früheren Verbündeten zum Ketzer machen. Die eigentliche Spannung liegt nicht in der Frage, ob Eisenhorn den Schurken fängt, sondern darin, ob er sich dabei selbst verliert.
Dan Abnett schreibt das mit einer psychologischen Schärfe, die ich in Military-SF und Tie-in-Romanen selten erlebt habe. Der moralische Verfall vollzieht sich langsam, fast unmerklich, und genau das macht es so beunruhigend. Ein Rezensent fasste es treffend zusammen: Eisenhorn macht seinen Weg von einem traditionellen Helden zu einem radikaleren Ansatz, und man fragt sich die ganze Zeit, ob er noch auf der richtigen Seite steht. Ich würde hinzufügen: Diese Frage stellt sich Eisenhorn selbst auch.
Toby Longworths Stimme als Anker der Geschichte
Longworth ist seit Jahren die Stimme der Eisenhorn-Reihe in den englischen Hörbuch-Produktionen, und das merkt man. Er hat eine warme, aber ernste Grundtimbre, die für Eisenhorns Ich-Erzählung perfekt sitzt. Er unterscheidet die Charaktere klar ohne zu karikieren, und wenn Eisenhorn in innere Monologe abdriftet, trägt Longworths Vortragsweise genau die richtige Mischung aus Kontrolle und unterdrückter Erschütterung. Bei fast zehn Stunden Laufzeit ist es keine Kleinigkeit, die Konzentration durchzuhalten. Longworth schafft das.
Was ich besonders schätze: Er überreizt nie. Warhammer-40K-Material verleitet Sprecher manchmal zu theatralischen Übertreibungen. Longworth bleibt geerdet, und das verleiht den wirklich dramatischen Momenten umso mehr Gewicht.
Ein Abschluss, der keine Gefangenen macht
Hereticus löst die Handlungsfäden der Trilogie auf, und das ohne falsche Sentimentalität. Wer die ersten beiden Bände kennt, weiß, dass Abnett keine bequemen Enden schreibt. Dieser dritte Teil macht da keine Ausnahme. Die Enthüllungen rund um den Karneval und den Fotografen, dessen Bilder mehr sind als sie scheinen, sind gut konstruiert und führen zu einem Finale, das emotional mehr trifft als erwartet.
Es ist kein perfektes Buch. Der Mittelteil hat Längen, und die eine oder andere Nebenhandlung hätte gestrafft werden können. Aber als Abschluss einer langen Reise mit einer komplexen Figur funktioniert Hereticus sehr gut.
Wer sollte dieses Hörbuch hören, wer lieber nicht
Wer Hereticus hören will, braucht zwingend Xenos und Malleus als Voraussetzung. Ohne die Vorgänger fehlt jeder emotionale Kontext für Eisenhorns Entwicklung. Außerdem muss man mit englischsprachigen Hörbüchern klarkommen, denn das ist keine deutschsprachige Produktion. Wer beides mitbringt und Dark Military SF oder Grimdark-Settings mag, bekommt einen der besseren Trilogieabschlüsse des Genres. Wer Warhammer 40K nicht kennt, sollte zumindest wissen, worauf man sich einlässt: ein düsteres, autoritäres Science-Fiction-Universum mit komplexer interner Logik.