Auf einen Blick
- Sprecherin: Viola Gabor liest Manuela Freitags Geschichte unverblümt und ohne Beschönigung — ein bewusst gewählter Ton für ein unbeschönigtes Buch.
- Themen: Sexarbeit, Selbstbestimmung, Hamburger Rotlichtmilieu, gesellschaftliche Doppelmoral
- Stimmung: Direkt, schonungslos, manchmal provokant — kein Wohlfühlhörbuch
- Fazit: Ein ungewöhnliches Memoir über ein Leben, das die meisten nur aus der Zeitung kennen — ehrlich, aber mit Einschränkungen.
Hinweis vorab: Herbertstraße ist ein Memoir über das Leben einer Domina im Hamburger Rotlichtmilieu. Das Buch enthält explizite Beschreibungen von Sexarbeit, Gewalt, früher Traumatisierung und Drogenmissbrauch. Wer das weiß und trotzdem weiterliest, tut es zu Recht — aber der Kontext gehört genannt.
Ich habe dieses Hörbuch auf einer längeren Zugreise gehört, und ich war schon nach der ersten Stunde sicher, dass es mir noch eine Weile im Kopf bleiben würde. Nicht wegen des Sujets — Bücher über das Hamburger Milieu gibt es einige. Sondern weil Manuela Freitag, die dienstälteste Domina der Herbertstraße, über dreißig Jahre Erfahrung hat und trotzdem — oder gerade deshalb — erzählt, als hätte sie nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu beweisen. Das ist eine selten entspannte Erzählhaltung in einem Genre, das oft zwischen Sensationslust und Opfernarrativen schwankt.
Die Herbertstraße als Ort und als Symbol
Für alle, die nicht wissen, wovon die Rede ist: Die Herbertstraße ist eine sechzig Meter lange Gasse in Hamburg St. Pauli, an beiden Enden durch Sichtblenden abgeschirmt. Prostituierte präsentieren sich dort in Schaufenstern. Es ist ein Ort, der seit Jahrzehnten Teil des deutschen Bewusstseins ist, über den aber kaum jemand aus der Innenperspektive spricht. Freitag tut das. Sie beschreibt, wie sie mit dreizehn Jahren ersten Kontakt zum Milieu hatte, wie sie sich später aus Abhängigkeitsverhältnissen befreite, zur Domina wurde und schließlich zur Figur wurde, die sie heute ist.
Was mich dabei am meisten interessiert hat: die private Manuela. Das Buch erzählt nicht nur von Freiern, Kiezgrößen und Obsessionen. Es erzählt auch von einer Frau, die Mutter ist, Freunde hat und manchmal von einem ganz anderen Leben träumt. Diese Doppelung — professionelle Frau, private Frau — ist das eigentlich Interessante an diesem Memoir.
Viola Gabor und die Frage nach der richtigen Stimme
Viola Gabor liest dieses Buch mit einer sachlichen Direktheit, die zum Text passt. Sie dramatisiert nicht, sie interpretiert wenig — sie liest, und das in einem Rhythmus, der dem Inhalt respektiert. Das ist die richtige Entscheidung. Ein zu dramatischer Vortrag hätte den Voyeurismus-Verdacht verstärkt; Gabors nüchterner Ton behandelt Freitags Geschichte mit der Würde, die sie verdient.
Eine berechtigte Kritik, die man kennen sollte
Ein Rezensent macht auf etwas aufmerksam, das ich ehrlich erwähnen möchte: Das Buch entstand mit Co-Autoren, und stellenweise spürt man das. Es gibt Passagen, die sich lesen wie eine Beobachtung von außen — sachlich, einordnend, aber nicht wirklich aus der Szene heraus erzählt. Wer die Geschichte vollständig aus Freitags eigenem Erleben erwartet, wird an diesen Stellen kurz herausgezogen. Das schmälert den Gesamteindruck nicht grundsätzlich, ist aber ein ehrliches Manko, das bei rund viereinhalb von fünf Sternen Durchschnittsbewertung dennoch eine Handvoll Leser stört.
Für wen dieses Hörbuch geeignet ist
Empfehlenswert für Erwachsene, die eine schonungslose Innenperspektive auf ein Milieu suchen, über das viele reden und wenige Bescheid wissen. Wer bereit ist, die gesellschaftliche Doppelmoral beim Namen zu nennen, findet hier Stoff zum Nachdenken. Nicht geeignet für Leser, die ein ordentlich aufgelöstes Selbsthilfebook erwarten oder die mit explizitem Milieu-Inhalt grundsätzlich nichts anfangen können.