Auf einen Blick
- Sprecher: Wolfgang Max Kracht liest klar und ohne Sentimentalitaet, was diesem Stoff sehr entgegenkommt.
- Themen: Rechtsextremismus, Radikalisierung und Ausstieg, Suche nach Zugehoerigkiet
- Stimmung: Erschuetternd und nuechtern zugleich, kein Triumph, keine Entschuldigung
- Fazit: Ein unbequemer, aber notwendiger Blick von innen in die rechte Szene, der aufklaert ohne zu beschoenigen.
Es gibt Hoerbuecher, die ich nicht nebenher konsumiere. Die ich nicht beim Joggen hoere oder beim Abwaschen. « Hass. Macht. Gewalt. » von Philip Schlaffer gehoert in diese Kategorie. Ich habe es an zwei langen Nachmittagen gehoert, sitzend, ohne andere Ablenkung, weil es mir unfair vorkam, diese Geschichte halben Ohres aufzunehmen. Zwoelf Stunden und neunundzwanzig Minuten. Das ist kein Buch fuer den Hintergrund. Es ist ein Buch, das man aktiv ertraegt.
Philip Schlaffer wurde 1978 in der norddeutschen Provinz geboren. Er beschreibt seine Jugend als eine ohne Halt. Kein stabiles Elternhaus, kein Platz in der Schule, kein Gefuehl, irgendwo dazuzugehoeren. Die Neonazi-Szene gab ihm dieses Gefuehl. Das ist der Kern dieses Buches: nicht Ideologie als Ausgangspunkt, sondern das banale Beduerfnis, irgendwo willkommen zu sein. Das macht die Geschichte erschreckend plausibel. Man liest keine Figur, die man als Monster einordnen und auf Abstand halten koennte. Man liest einen jungen Mann mit einer sehr erkennbaren Luecke in seiner Geschichte.
Was das Buch ueber Jugend in der Nachwendezeit sagt
Schlaffer ist 1978 geboren. Seine Jugend faellt in die fruehen Neunziger, in eine Zeit, in der besonders in Ostdeutschland und Norddeutschland ein Vakuum entstanden war, das rechte Strukturen gezielt besetzten. Das Buch ist auch deshalb interessant, weil es einen Kontext beleuchtet, der in der oeffentlichen Diskussion oft vereinfacht wird: Die Neonazi-Szene bot Jugendlichen damals etwas, das andere gesellschaftliche Institutionen nicht boten. Schlaffer benennt das klar, ohne es zu entschuldigen. Dieser historische Hintergrund ist kein Beiwerk, sondern ein Kern des Berichts.
Radikalisierung als sozialer Prozess
Schlaffer erzaehlt, wie aus einem verunsicherten Jugendlichen erst ein Mitlaufer, dann ein Anhaenger, dann ein Anfuehrer wurde. Er gruendete die rechtsradikale Kameradschaft Werwolfe Wismar, vertrieb Rechtsrock im Internet, war Teil eines Rockerclubs, der Drogenhandel und Prostitution betrieb. Er beschreibt Gewalt gegen Menschen, die er als Fremde betrachtete, Auseinandersetzungen mit der Polizei und immer wieder vergebliche Versuche des Verfassungsschutzes, ihn als V-Mann anzuwerben. Dieser letzte Aspekt, die wiederholten Anwerbe-Versuche, wird von Schlaffer ohne Heldenpose geschildert. Er war kein Informant. Er war auch kein Aufrechter. Er schaute fuer sich selbst.
Was diesen Bericht von vielen anderen Aussteiger-Erzaehlungen unterscheidet: Schlaffer entschuldigt sich nicht. Er beschoenigt nichts. Ein grausamer Mord in seinem Umfeld wird erwaehnt und traegt ihn lange, aber er verkauft diese Belastung auch nicht als fruehzeitiges Zeichen einer Wandlung. Die Ehrlichkeit ist unbequem. Und sie ist das Entscheidende. Ein Rezensent schreibt, er haette das Buch an einem Tag durchgerattert, weil es spannend erzaehlt und ungeschoent sei. Das stimmt. Aber es ist die Art Spannung, die einem nicht gut bekommt.
Wolfgang Max Kracht und die Nuechternheit des Vortrags
Der Sprecher Wolfgang Max Kracht trifft eine wichtige Entscheidung: Er liest diesen Text ohne dramatische Verstaerkung. Keine Betroffenheitsgestik, kein erhoehtes Tempo bei Gewaltszenen, kein signalisiertes Abstandnehmen. Kracht liest, wie man einen Zeugenbericht liest. Das ist die richtige Wahl. Bei einem Stoff wie diesem wuerden schauspielerische Uebertreibungen schnell wie Ausschlachtung wirken. Die Nuechternheit laesst den Inhalt fuer sich sprechen.
Auf 12 Stunden und 29 Minuten gestreckt haelt diese Haltung durch. Gelegentlich entsteht dadurch ein gewisser Gleichmut, den manche Hoerer moeglicherweise als Distanz empfinden. Ich halte ihn fuer angemessen. Was Schlaffer erlebt und getan hat, verdient keine Inszenierung. Kracht gibt dem Text den Respekt, ihn ernst zu nehmen, ohne ihn wichtiger zu machen als er sein muss.
Der Ausstieg und die Frage, die das Buch nicht ganz beantwortet
Schlaffer schafft den Absprung im Gefaengnis. Er beschreibt diesen Prozess nicht als Erleuchtung, sondern als muehsamen, schrittweisen Entschluss. Der Fahndungsdruck wurde zu gross, aber es kaeme zu einfach vor zu sagen, er sei nur aus Pragmatismus ausgestiegen. Das Buch zeigt, dass echte Veraenderungen selten sauber sind und meistens viele Gruende haben, die gleichzeitig wirken und nicht alle gleich edel sind. Schlaffer stellt diese Ambiguitaet nicht als Schwaeche dar, sondern als Wirklichkeit. Das ist einer der Momente, in denen das Buch ueber die Genre-Konventionen der Aussteiger-Biografie hinauswachst.
Heute arbeitet er aktiv gegen Rechtsextremismus, haelt Vortraege, berichtet oeffentlich. Ein Rezensent bringt es auf den Punkt: Wer ihn aus dieser Oeffentlichkeitsarbeit kennt, fragt sich unweigerlich, wie es moeglich war, dass aus diesem Mann der Frueherer werden konnte. Das Buch beantwortet diese Frage nicht vollstaendig, aber es gibt einem alle Elemente, um sie selbst zu durchdenken. Das ist genug. Mehr waere vielleicht zu viel.
Warum dieses Buch nicht nur fuer Fachleute ist
Empfehlenswert fuer alle, die verstehen moechten, wie Radikalisierung funktioniert: nicht als abstraktes politisches Phaenomen, sondern als gelebte Biografiegeschichte in der norddeutschen Provinz der neunziger Jahre. Geeignet fuer Hoerer, die Aussteiger-Biografien mit schwierigen Themen schatzen, und fuer Menschen, die in Praevention, Bildungsarbeit oder sozialer Arbeit taetig sind. Der SPIEGEL-Bestseller-Status deutet darauf hin, dass das Buch auch jenseits dieser engeren Zielgruppe gelesen wird. Zu Recht: Wer verstehen will, wie rechtsextremistische Strukturen in Deutschland entstehen und wie sie junge Menschen anziehen, findet hier einen ehrlicheren Bericht als in vielen wissenschaftlichen Analysen. Weniger geeignet fuer Hoerer, die eine klassische Laeuterungsgeschichte mit versoehnlichem Abschluss suchen. Das hier ist kein Redemptionsbogen. Es ist ein Bericht, und er endet genau dort, wo Schlaffer gerade steht.