Auf einen Blick
- Sprecher: Dietmar Bär, bekannt als Tatort-Kommissar Ballauf, liest mit viel Vergnügen und verleiht dem schrägen Humor genauso viel Raum wie dem überraschend rührenden Ende.
- Themen: Generationenbeziehung, Familiengeheimnisse, Mut zur Absurdität
- Stimmung: Ausgelassen komödiantisch mit einem unerwarteten emotionalen Herzschlag
- Fazit: Ein Kinderbuch, das Erwachsene genauso erwischt, nicht wegen Tiefgründigkeit, sondern wegen einer ehrlichen Geschichte über das Nicht-Verstehen und dann doch Verstehen.
Meine Nichte ist neun und liebt David Walliams. Sie hat « Gangsta-Oma » schon zweimal gelesen, und als ich ihr erzählt habe, dass es ein Hörbuch mit Dietmar Bär gibt, hat sie mich fünf Tage lang täglich daran erinnert, bis wir es gemeinsam gehört haben. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe, auch wenn das Ende uns beide erwischt hat.
David Walliams ist in Deutschland deutlich weniger bekannt als in Großbritannien, wo er seit Jahren zu den meistverkauften Kinderbuchautoren gehört. « Gangsta-Oma » ist eines seiner bekanntesten Bücher, und man merkt warum. Es ist nicht das raffinierteste Buch auf dem Markt. Aber es funktioniert auf eine Art, die ich bei Kinderliteratur besonders schätze: Es unterschätzt sein Publikum nicht.
Ben und seine Oma: Wie Klischees zu echten Figuren werden
Der Ausgangspunkt ist klassisch Walliams: eine skurrile Prämisse, ausgeschmückt mit komödiantischer Energie. Ben wird jeden Samstagabend zur Großmutter abgeschoben, weil seine Eltern ihre Tanzshow live sehen wollen. Die Oma riecht nach Kohl, spielt Scrabble, und Ben findet das alles unerträglich langweilig. Bis er in einer Keksdose Juwelen findet.
Was Walliams gut macht, ist, aus dieser Prämisse keine reine Komödie zu basteln, sondern eine Geschichte, in der die Figuren tatsächlich zueinander finden. Ben lernt, die Oma zu sehen, nicht als nervige Pflichtveranstaltung, sondern als Person. Das geschieht nicht durch erklärende Dialoge, sondern durch geteilte Abenteuer, durch das gemeinsame Stehlen von Kronjuwelen im Rollstuhl-Scooter. Mehrere Rezensionen sprechen davon, dass Kinder und Erwachsene das Buch gemeinsam gelesen haben, und dass das Ende Tränen gebracht hat. Das klingt nach Übertreibung, ist aber erfahrungsgemäß akkurat.
Dietmar Bär als Glücksfall
Dietmar Bär ist in Deutschland vor allem durch seine Rolle als Freddy Schenk im Kölner Tatort bekannt, eine Rolle, die er seit 1997 spielt. Was viele nicht wissen: Er ist ein sehr guter Vorleser, der sein Handwerk versteht.
Bei « Gangsta-Oma » spielt er das komödiantische Tempo sicher aus, ohne es zu überreißen. Die absurden Szenen, insbesondere die Planung und Durchführung des Juwelenraubs, bekommen die richtige Energie: aufgeregt, schnell, leicht chaotisch. Und die ruhigen Momente zwischen Ben und der Oma bekommt Bär ebenso gut hin. Er drosselt das Tempo, lässt Stille stehen, und das funktioniert. Drei Stunden und einundfünfzig Minuten gehen sehr schnell vorbei.
Es ist eine der Lektionen, die man aus solchen Paarungen lernt: das richtige Casting eines Sprechers kann aus einem guten Buch ein besonders gutes Hörerlebnis machen. Ich weiß nicht, ob « Gangsta-Oma » ohne Bärs Lesung so gut funktioniert hätte. Mit ihr ist es wirklich schön.
Für wen dieses Hörbuch gemacht ist
Für Kinder ab etwa sieben Jahren, die skurrile Abenteuergeschichten mögen und keine Angst vor einem emotionalen Ende haben. Für Erwachsene, die mit Kindern Hörbücher teilen möchten, und dabei nicht gelangweilt werden wollen. Für alle, die Dietmar Bär aus dem Tatort kennen und neugierig sind, wie er klingt, wenn er kein Mordopfer inspiziert, sondern eine Oma beim Juwelenraub begleitet. Weniger geeignet für Hörerinnen und Hörer, die reine Slapstick-Komödie ohne emotionale Kurve wollen: das Ende ist ehrlich und berührt, und das ist eine Absicht, keine Schwäche.
Ein kurzer Hinweis zur Reihe: « Gangsta-Oma » gehört zur Reihe « Bens Abenteuer », ist aber als eigenständiger Titel konzipiert und zugänglich. Man braucht keinen anderen Band zu kennen, um sofort einzusteigen.