Auf einen Blick
- Sprecher: Niklas Kolorz liest sein eigenes Buch und das merkt man sofort. Seine TikTok-erprobte Energie überträgt sich direkt ins Hörformat, die Begeisterung wirkt echt und nie aufgesetzt.
- Themen: Wissenschaftsgeschichte, große Entdeckungen der Naturwissenschaft, Zufall und Genialität
- Stimmung: Leicht und beschwingt, wie ein Gespräch mit dem klügsten Kumpel auf einer Party
- Fazit: Wer Wissenschaft bisher als trocken empfand, wird hier angenehm überrascht. Wer Tiefe sucht, muss woanders weiterhören.
Es war ein Dienstagabend, ich hatte einen langen Tag hinter mir und eigentlich keine Kapazität mehr für irgendetwas Anspruchsvolles. Ich wollte etwas hören, das mich unterhält, ohne mich zu überfordern. Ich startete « (Fast) Alles einfach erklärt » eher zufällig, weil der Titel im Regal auftauchte. Zwei Stunden später hatte ich vergessen, dass ich müde war.
Niklas Kolorz ist auf TikTok einem Millionenpublikum bekannt, und sein Buch trägt diese DNA deutlich in sich. Das ist kein Nachteil. Es bedeutet, dass er genau weiß, wie man komplexe Ideen so portioniert, dass sie sitzen bleiben. Hier ist er nicht nur Autor, sondern auch sein eigener Sprecher, und diese Entscheidung trägt das ganze Hörbuch.
Eine Stimme, die wirklich zu Wort kommt
Wenn Autoren ihre eigenen Bücher einlesen, kann das in beide Richtungen gehen. Entweder klingt es, als würde jemand seinen eigenen Wikipedia-Artikel vorlesen, oder man merkt, dass da jemand mit echter Leidenschaft bei der Sache ist. Kolorz gehört klar zur zweiten Kategorie. Er spricht nicht wie ein Nachrichtensprecher, der Fakten abruft. Er spricht wie jemand, der Ihnen gerade etwas erzählt, das ihn selbst fasziniert. Das hat einen entscheidenden Effekt: Man hört zu, weil man das Gefühl bekommt, er könnte jeden Moment vom Thema abweichen und etwas Unerwartetes sagen.
Die Energie ist dabei gleichbleibend hoch, ohne ins Anstrengende zu kippen. Bei knapp sieben Stunden Laufzeit ist das keine Kleinigkeit. Es gibt Passagen, in denen er über Isaac Newton spricht, dessen bizarren Eigenheiten er mit einer gewissen liebevollen Herablassung beschreibt, und man ertappt sich dabei, zu grinsen. Das Kapitel über den Taubendreck, der letztlich zur Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung führte, ist eines dieser Momente, bei denen Wissenschaft und Absurdität so nah beieinanderliegen, dass man beides zugleich versteht und nicht glauben kann, dass das wirklich so passiert ist.
Wenn Breite auf Kosten von Tiefe geht
Der Titel verspricht, fast alles zu erklären. Das ist ein Versprechen, das eher Programm als Garantie ist. Kolorz schlägt einen Bogen von subatomaren Teilchen bis zur Supernova, von Pythagoras bis Hubble, und dieser Bogen ist weit. Wer naturwissenschaftlich vorgebildet ist oder bereits einige populärwissenschaftliche Bücher konsumiert hat, wird manche Kapitel mit dem Gefühl verlassen, dass gerade ein Thema aufgemacht wurde, als es auch schon wieder geschlossen wurde.
Das ist kein Fehler im eigentlichen Sinne, aber es ist eine klare Grenzziehung. Formeln kommen nicht vor. Akademischer Jargon wird gemieden. Ein Rezensent bezeichnete es treffend als ein Buch für Menschen, die « schlau schmunzelnd durch die Wissenschaft reisen » wollen, und das trifft es gut. Wer tiefer graben möchte, braucht andere Quellen. Wer einen Einstieg oder eine Auffrischung sucht, der macht hier wenig falsch.
Ein Punkt, der in einigen Rezensionen auftaucht, verdient eine ehrliche Erwähnung: Das Kapitel zum Klimawandel wird von manchen als recht einseitig empfunden. Die Fakten stimmen, aber die Tonalität ist deutlich wertend. Wer ein nüchternes Sachbuch erwartet, das alle Perspektiven neutral abbildet, könnte an dieser Stelle stolpern. Ich persönlich empfand es nicht als störend, aber ich halte es für fair, das anzusprechen.
Wissenschaft als Abenteuergeschichte
Was Kolorz am besten gelingt, ist das Erzählen. Er versteht, dass hinter jeder Entdeckung Menschen stecken, und er erzählt diese Menschengeschichten mit echtem Gespür für Dramaturgie. Marie Curie bekommt einen Auftritt, der ihrer Bedeutung gerecht wird, ohne in Heldenverehrung zu kippen. Einsteins Werdegang wird so erzählt, dass man versteht, warum er polarisierte. Und die Geschichte des Asteroiden, der die Dinosaurier auslöschte, gewinnt durch Kolorz’ Erzählstil eine fast filmische Qualität.
Der Grimme-Online-Award, den er für seine Arbeit erhalten hat, ist in diesem Kontext kein leeres Etikett. Man merkt, dass er nicht nur erklärt, sondern auch vermitteln kann. Das ist ein Unterschied, der im Hörformat besonders zählt. Ein trockener Vortrag über die Entdeckung der Quantenmechanik wäre in dieser Form kaum zu ertragen. In Kolorz’ Händen wird daraus eine Geschichte über Menschen, die nicht wussten, was sie da gerade entdeckten, und genau das macht es fesselnd.
Für wen ist dieses Hörbuch gemacht?
Wer schon lange wissen wollte, was es mit dem Urknall, der Relativitätstheorie und den Grundlagen der Chemie auf sich hat, aber nie den richtigen Einstieg gefunden hat, liegt hier richtig. Wer Verschwörungstheorien im Freundeskreis begegnet und fundierte Antworten auf Fragen zu Flacher Erde oder Radioaktivität sucht, findet hier nützliches Material. Wer Unterhaltung und Bildung gleichzeitig möchte, ohne sich durch Fachbücher kämpfen zu müssen, wird zufrieden sein.
Wer hingegen wissenschaftliche Tiefe, methodische Strenge oder neue Erkenntnisse jenseits des populärwissenschaftlichen Kanons erwartet, wird enttäuscht. Das Buch ist kein Lehrbuch und will keines sein. Es ist ein Einladungsschreiben in die Welt der Wissenschaft, geschrieben von jemandem, dem diese Welt offensichtlich selbst viel bedeutet. Und das ist, ehrlich gesagt, mehr wert als mancher akademische Wälzer.