Auf einen Blick
- Sprecher: Esra Vural liest lebendig und nah, sodass die Stimme im Ohr fast die von Gnu selbst zu sein scheint. Eine sehr gut gewählte Besetzung.
- Themen: Essstörung und langer Weg zur Heilung, Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter, YouTuber-Karriere hinter den Kulissen
- Stimmung: Aufrichtig und motivierend, ohne Selbsthilfe-Kitsch
- Fazit: Eine der ehrlichsten deutschsprachigen YouTube-Autobiografien, die ich bisher gehört habe, mit einer Dringlichkeit, die weit über die Gaming-Community hinausreicht.
Ich bin nicht in Jasmins YouTube-Universum aufgewachsen. Als ich « Du schaffst das nicht » zum ersten Mal in der Hand hielt, kannte ich Gnu als Namen aus der Gaming-Community, aber ihre Videos hatte ich nie gesehen. Ich erwähne das, weil es mir relevant erscheint: Dieses Hörbuch hat mich auch ohne diese Vorkenntnis vollständig gepackt. Nicht weil es ein besonders gutes YouTuber-Buch ist, sondern weil es ein besonders gutes Buch über das Erwachsenwerden mit einer Krankheit ist, die man versteckt.
Jasmin, die sich auf ihrer Plattform Gnu nennt, war zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung als erste deutschsprachige Gamerin mit über einer Million Abonnentinnen und Abonnenten auf YouTube bekannt. Was ihre Community nicht wusste: Zehn Jahre lang hatte sie mit einer Erkrankung gelebt, die kaum jemand in ihrem Leben kannte. Schonungslos offen schreibt sie darüber in diesem Buch. Das Wort schonungslos ist abgenutzt, aber hier trifft es zu.
Die Erkrankung, die kein Bild hat
Gnu beschreibt eine über ein Jahrzehnt andauernde Essstörung, die sich parallel zu ihrem öffentlichen Aufstieg entwickelte. Das ist keine kleine Randnotiz in einer Erfolgsgeschichte. Es ist das Zentrum dieser Autobiografie. Der Druck, einem aufgezwungenen Idealbild zu entsprechen, die Scham, die Erschöpfung des Versteckens, das Gefühl, nicht klug genug, nicht hübsch genug, nicht gut genug zu sein: Sie beschreibt das ohne Beschönigung und ohne Selbstmitleid, was schwieriger zu schreiben ist, als es klingt.
Was mich besonders beeindruckt hat: Sie romantisiert ihre Erkrankung nicht. Es gibt keine Momente, in denen die Essstörung als Quelle von Kontrolle oder Stärke verklärt wird. Es gibt nur den Blick zurück auf verlorene Jahre und auf einen Weg heraus, der kein gerader war. Das ist für junge Leserinnen, die vielleicht selbst in ähnlichen Mustern stecken, ein sehr viel wertloseres Muster als die oft glorifizierende Darstellung in anderen Formaten.
Der YouTube-Kosmos, ohne geschönt zu werden
Ein zweites Thema zieht sich durch das Buch: Wie es ist, als junge Frau in einer von Männern dominierten Gaming-Community eine Karriere aufzubauen. Gnu beschreibt Anfeindungen, Zweifel, die logistischen Albernheiten des Anfangs (Abende, an denen sie Equipment zusammenflickte, weil der Internetzugang nicht stabil war). Eine Rezensentin zitierte das so: Sie hat einfach jeden Abend ihr Equipment zusammengebaut. Das klingt banal, hat aber eine Lektion über Beharrlichkeit in sich, die keine Motivationsformel je so klar ausgedrückt hat.
Sie ist dabei nicht naiv. Sie weiß, dass Erfolg auch mit Glück und Timing zu tun hat. Aber sie hält dagegen, dass Aufgeben keine Option ist, wenn man bereit ist weiterzumachen. Das klingt nach Plattitüde; gelesen in ihrem eigenen Kontext, nach dem Wissen um die zehn Krankheitsjahre, klingt es völlig anders.
Was Esra Vural aus dem Text macht
Die Besetzung mit Esra Vural als Sprecherin war eine kluge Entscheidung. Eine Rezensentin schrieb, sie höre beim Lesen immer Gnus Stimme im Ohr, und Vural ist ihr in Ton und Energie offenbar sehr nah. Die knapp acht Stunden fühlen sich wie ein direktes Gespräch an, nicht wie vorgelesener Text. Vural trifft den Mittelweg zwischen freundschaftlicher Wärme und ernst gemeinten Sätzen, den das Buch braucht, wenn Jasmin über Momente schreibt, an denen die Erkrankung sie fast besiegt hätte.
Das Hörbuch eignet sich sehr gut für Menschen, die sich in ähnlichen Mustern befinden, auch wenn Gnu dezidiert kein Selbsthilfebuch geschrieben hat. Es ist eine Autobiografie. Aber die Wirkung ist eine ähnliche. Und manchmal ist das ehrlichere Weg dorthin.
Für wen und für wen nicht
Für alle, die Gnus Community kennen und mehr verstehen wollen als die öffentliche Persona. Ebenso für alle, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit Essstörung und digitalem Selbstbild suchen, ohne von Expertenratschlägen erschlagen zu werden. Und für alle, denen das Satz-Muster « Du schaffst das nicht » aus eigener Erfahrung vertraut ist.
Weniger geeignet für Hörerinnen, die ein klassisches Motivationsbuch mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen erwarten. Gnu gibt keine Rezepte. Sie gibt eine Geschichte.