Auf einen Blick
- Sprecher: Thomas Melle liest sein eigenes Memoir selbst, und diese Entscheidung verändert alles an der Wirkung des Textes.
- Themen: Bipolare Erkrankung, Identitätsverlust, Literatur als Selbstbefragung
- Stimmung: Schonungslos klar, literarisch verdichtet, emotional erschütternd
- Fazit: Eines der wichtigsten deutschsprachigen Memoiren der letzten zwanzig Jahre, das im Hörbuch durch Melles eigene Stimme eine zusätzliche Dimension bekommt.
Ich hatte « Die Welt im Rücken » von Thomas Melle schon einmal gelesen, als es 2016 erschien. Oder vielmehr: Ich hatte versucht, es zu lesen. Ich war damals nicht weit gekommen. Nicht weil es schlecht war, sondern weil es zu gut war, und weil seine Genauigkeit eine Art körperliche Reaktion ausgelöst hat, die ich damals nicht einordnen konnte.
Das Hörbuch habe ich an einem langen Sonntag begonnen. Ich war zu Hause, hatte keine Pläne, und dachte, ich würde vielleicht drei Stunden hören. Es wurden neun Stunden und sechsunddreißig Minuten am Stück. Das ist das einzige Mal in meinen Jahren beim Hörbuch-Hören, dass mir das passiert ist.
Wenn der Autor selbst liest
Thomas Melle liest dieses Buch selbst. Das ist nicht selbstverständlich, und es ist keine Formsache. Wenn ein Autor sein eigenes Memoir einspricht, entsteht etwas, das kein professioneller Sprecher replizieren könnte, egal wie begabt. Man hört die Stellen, an denen Melle beim Sprechen einen kurzen Moment zögert. Man hört, wie er die Sätze formuliert, die über seine eigenen manischen Episoden handeln, mit einer Distanz, die keine emotionale Gleichgültigkeit ist, sondern die Distanz dessen, der diese Geschichte hundertmal durchdacht hat und sie trotzdem noch immer als fremd empfindet.
Der Roman dokumentiert drei schwere Manien: 1999, 2006, 2010. Melle schreibt, ich lasse ihn hier wörtlich: « Ich bin einer derer, die die Jahreskarte gezogen haben. Wenn ich abrutsche oder hochfliege, dann für eine lange Zeit. » Dieser Satz, aus Melles eigenem Mund gesprochen, trifft anders als auf der Seite. Das ist kein besseres oder schlechteres Erlebnis. Es ist ein anderes, und für dieses Buch ist es das richtigere.
Was dieses Memoir leistet, was andere nicht leisten
Es gibt eine Flut von Büchern über psychische Erkrankungen, und viele von ihnen sind nützlich. Melles Buch ist in einer anderen Kategorie. Er schreibt nicht als Genesener, der auf die dunklen Jahre zurückblickt und Ratschläge verteilt. Er schreibt als jemand, der im Jahr 2016 unter einem Phasenprophylaktikum stabil ist, aber explizit nicht weiß, ob eine vierte Manie kommt. Er schreibt ohne Heilsversprechen, ohne therapeutischen Rahmen, der den Schmerz auflöst.
Ein Rezensent schreibt: « Melle reißt alle Pflaster ab, er sagt, wo es wehtut, er sticht noch einmal in die Wunde, er lacht dabei, aber niemals hämisch. » Das ist präzise. Es gibt Stellen in diesem Buch, die grotesk komisch sind, weil die Manie selbst grotesken Humor hat, Momente, in denen ein Mensch sich für den Mittelpunkt des Universums hält und entsprechend handelt. Melle beschreibt diese Momente ohne falsche Scham, aber auch ohne die Selbstbestrafung, die man erwarten könnte.
19 Jahre, drei Abstürze, ein literarisches Werk
Der Zeitraum, den Melle in diesem Buch durchleuchtet, reicht von den späten 1990er Jahren bis zum Schreibzeitpunkt 2016. Dazwischen liegt nicht nur Krankheit, sondern auch eine Karriere als Schriftsteller und Dramatiker, Preise, Kollegen, Liebesbeziehungen, die unter der Erkrankung zerbrochen sind, und Freundschaften, die es trotzdem irgendwie überlebt haben. Melle ist kein unbekannter Autor, der seine Geschichte als Therapie aufschreibt. Er ist ein anerkannter Literat, und das merkt man: Der Text ist von hoher sprachlicher Präzision, er findet für psychiatrische Zustände Bilder, die in der Sprache nichts Klinisches haben, und er legt damit etwas frei, das kaum ein anderes Buch über Bipolarität geleistet hat.
« Die Welt im Rücken » ist dabei kein Buch, das man jemandem einfach so in die Hand drückt. Wer selbst Erfahrungen mit manisch-depressiven Erkrankungen hat, eigene oder in der nächsten Umgebung, wird an vielen Stellen sehr nah am Text sitzen. Das ist kein Warnhinweis im schrillen Sinne, aber ein ehrlicher.
9 Stunden und 36 Minuten, die man nicht vergisst
Was dieses Hörbuch bleibt, auch Tage nach dem letzten gehörten Satz, ist eine sonderbare Mischung aus Erschütterung und Klarheit. Melle hat etwas abgeliefert, das über das Genre des Krankheitsmemoirs hinausgeht. Es ist Literatur, die zufällig ein Memoir ist. Oder ein Memoir, das zufällig Literatur ist. In seiner eigenen Stimme klingt es nach beiden Dingen zugleich.