Auf einen Blick
- Narration: Steffen Groth liest klar und mit sachlicher Autoritaet – ideal fuer ein politisches Sachbuch, das keine kuenstliche Dramatisierung braucht.
- Themes: US-Aussenpolitik, Medienmanipulation, transatlantische Illusionen
- Mood: Analytisch und provokant, mit Momenten echter Brisanz
- Verdict: Ein wichtiges Buch fuer politisch interessierte Hoerer, das bewusst polarisiert – wer bereit ist, seine Perspektive zu hinterfragen, findet hier dichten, gut belegten Stoff.
Michael Lueders habe ich zum ersten Mal gelesen, als « Wer den Wind saet » erschien. Damals war der Nahe Osten fuer viele Deutsche eine Sammlung von Nachrichtenmeldungen ohne Zusammenhang – Lueders hat ihm Kontext gegeben, schmerzhaft praezise, manchmal unbequem. « Die scheinheilige Supermacht » ist ein Folgeprojekt in demselben Geist: Er wendet den Blick von der Region weg und auf die Macht, die dort so oft die Haende im Spiel hatte.
Ich habe das Hoerbuch in zwei langen Abendsessions gehoert – zehn Stunden und sechs Minuten, Steffen Groth am Mikrofon – und es hat mich in Abstaenden gleichzeitig aufgebracht und beschaeftigt. Das ist, glaube ich, genau das, was Lueders will.
Eine These, die sich an Beispielen bewaehrt
Lueders These ist klar formuliert: Die USA sind keine selbstlose Demokratie-Exporteurin, sondern eine Weltmacht, die ihre eigenen Interessen verfolgt und dabei Regierungen stuerzt, Luegen als Kriegsbegruendungen inszeniert und Medien instrumentalisiert. Er illustriert das an konkreten Faellen – Iran 1953, Guatemala 1954, Chile 1973, Irak 2003. Diese historischen Beispiele sind gut dokumentiert und in ihrer Dramaturgie erschreckend schlicht: Wer die amerikanische Aussenpolitik der letzten siebzig Jahre kennt, ist von diesen Beispielen nicht ueberrascht. Wer sie nicht kennt, wird erschuettert sein.
Was das Buch stark macht, ist Lueders Faehigkeit, Muster sichtbar zu machen. Er zeigt, wie sich dieselben Mechanismen – gefaelschte Beweise, gezielte Desinformation, mediale Gleichschaltung – von Fallstudie zu Fallstudie wiederholen. Das ist keine Paranoia, das ist Mustererkennung, und er belegt sie sorgfaeltig.
Der blinde Fleck, den man benennen muss
Eine der differenziertesten Rezensionen wirft einen Einwand vor, der berechtigt ist: Das Buch liest sich an bestimmten Stellen einseitig. Das ist polemisch formuliert, hat aber einen Kern. Lueders ist ein scharfer Kritiker amerikanischer Aussenpolitik – und das zu Recht. Aber an den Stellen, wo er russische oder chinesische Aussenpolitik beruehrt, wechselt sein analytischer Ton in etwas Milderes. Das ist keine Kleinigkeit. Ein Buch, das zu Recht Doppelstandards kritisiert, sollte selbst keinen anwenden.
Dieser Einwand schmaelert den Wert des Buches nicht grundsaetzlich, aber er begrenzt ihn. Wer Lueders als alleinigen Kompass benutzt, bekommt eine praezise, gut belegte und dennoch einseitig beleuchtete Perspektive. Als Kontrapunkt zu Mainstream-Berichterstattung ist das Buch wertvoll. Als vollstaendige Analyse weniger.
Steffen Groth am Mikrofon
Groth ist eine sehr gute Wahl fuer dieses Buch. Er liest mit sachlicher Klarheit, ohne zu vereinfachen, und gibt Lueders manchmal laengeren Satzgefuegen die Zeit, die sie brauchen. Sein Tempo ist das eines Vortrags, nicht einer Lesung – was zum journalistischen Charakter des Textes passt. Kein unnoetig aufgeladenes Pathos. Die zehn Stunden vergehen konzentriert statt ermuedend.
Fuer wen – und fuer wen nicht
Wer sich fuer internationale Politik und Medienanalyse interessiert und bereit ist, eine dezidiert kritische These auf sich wirken zu lassen, findet hier dichten, gut recherchierten Stoff. Wer eine ausgewogene Gesamtperspektive erwartet, die alle Akteure gleichermassen beleuchtet, sollte das Buch mit anderen Quellen kombinieren. Fuer eine erste Begegnung mit Lueders Werk ist « Die scheinheilige Supermacht » ein ebenso guter Einstieg wie seine Vorgaenger – moeglicherweise zugaenglicher, weil der Bezugsrahmen globaler ist.
Häufig gestellte Fragen
Muss man Lueders frueherer Buecher kennen, um « Die scheinheilige Supermacht » zu verstehen?
Nein. Das Buch funktioniert als eigenstaendiges Werk. Wer jedoch « Wer den Wind saet » oder « Die den Sturm ernten » gelesen hat, wird Lueders Argumentationsweise und Fokus auf den Nahen Osten bereits kennen und schneller in die neue Perspektive finden.
Ist das Buch politisch einseitig, und sollte man das wissen?
Ja, und das ist kein Geheimnis. Lueders schreibt aus einer dezidiert kritischen Perspektive gegenueber amerikanischer Aussenpolitik. Einige Rezensenten bemerkten, dass russische und chinesische Aussenpolitik weniger scharf beleuchtet wird. Das Buch ist als Kontrapunkt gedacht, nicht als neutrale Analyse.
Wie aktuell sind die im Buch besprochenen Faelle noch?
Das Buch kombiniert historische Faelle – Iran 1953, Chile 1973, Irak 2003 – mit aktuellerer Analyse zu Russland, China und dem Iran-Konflikt. Die historischen Abschnitte sind zeitlos belegbar, die aktuellen Bewertungen sollten mit Blick auf das Veroffentlichungsdatum und spaetere Entwicklungen eingeordnet werden.
Fuer welches Hoerpublikum ist Steffen Groths Narration am besten geeignet?
Groth liest sachlich und klar – ideal fuer Hoerer, die bei Sachbuchern Wert auf Verstaendlichkeit und ruhiges Tempo legen. Wer dramatisch akzentuierte Lesungen bevorzugt, koennte seinen Stil als zu nuechtern empfinden, aber fuer politischen Journalismus ist er eine starke Wahl.