Auf einen Blick
- Sprecher: Solveig Duda verleiht Nora Sand eine ruhige, konzentrierte Stimme, die gut zur investigativen Haltung der Figur passt und den nordischen Ton der Vorlage spürbar macht.
- Themen: Verbrechen und Erinnerung, Journalismus als Ermittlungsarbeit, weibliche Selbstbestimmung in gefährlichen Situationen
- Stimmung: Angespannt und atemlos, mit einem Soundtrack aus Londoner Nebel und dänischer Melancholie
- Fazit: Wer skandinavische Krimis schätzt, in denen die Protagonistin selbst zur Zielscheibe wird, findet hier sieben Stunden konzentrierte Spannung.
Es war ein Donnerstagabend, an dem ich keine Lust mehr auf stille Bücher hatte. Ich brauchte etwas, das mich zieht, ohne mich zu schonen. Ich startete « Die Mädchen von der Englandfähre » eigentlich nur probeweise, wollte die ersten zwanzig Minuten hören und dann schlafen gehen. Daraus wurden drei Stunden, bis mein Telefon mich an einen Termin am nächsten Morgen erinnerte.
Das ist das Verdienst dieser Konstruktion: Lone Theils, die dänische Journalistin, die selbst jahrelang als Reporterin in London gearbeitet hat, kennt die Welt, die sie beschreibt, von innen. Das spürt man. Nora Sand ist keine Figur, die Spannung durch Ungeschicklichkeit erzeugt. Sie ist klug, manchmal zu klug für ihr eigenes Wohl, und genau das macht sie glaubwürdig.
Zwei Mädchen, ein Foto, drei Jahrzehnte Schweigen
Die Prämisse sitzt: 1985 verschwinden Lulu und Lisbeth auf der Fähre nach England. Kein Leichnam, keine Erklärung, keine Akten, die wirklich etwas sagen. Jahrzehnte später hält Nora Sand ein Foto in den Händen, das die beiden nach ihrem angeblichen Verschwinden zeigt. Diese eine Detailverschiebung, dieses kleine fotografische Rätsel, trägt das ganze erste Drittel des Hörbuchs. Theils lässt sich Zeit, die Situation aufzubauen, ohne dass es sich zieht. Der Fall öffnet sich langsam, wie eine Tür, hinter der mehr Türen warten.
Bill Hix, der inhaftierte englische Serientäter, ist dabei das klügste Element der Geschichte. Er sitzt im Hochsicherheitstrakt, und Nora darf ihn besuchen, in Absprache mit Scotland Yard. Was folgt, ist kein Katz-und-Maus-Spiel im üblichen Sinne. Hix ist nicht omnipotent, nicht unheimlich cartoonhaft, sondern beklemmend alltäglich in seiner Art zu sprechen. Dann entkommt er. Und mit einem Schlag verwandelt sich der Investigativthriller in etwas, das echten Herzschlag beschleunigt.
Was Solveig Duda aus Nora macht
Solveig Duda ist eine Sprecherin, die ich bislang vor allem aus ruhigeren Formaten kannte. Hier überrascht sie mich. Sie gibt Nora eine innere Ruhe, die trotzdem nicht kalt wirkt, sondern konzentriert. Die Figur denkt laut, zweifelt auf eine Art, die authentisch klingt, und reagiert auf Bedrohungen nicht mit übertriebener Dramatik, sondern mit einem stillen Aufdrehen der Intensität. Das passt gut zu der Art, wie Theils schreibt: ohne große Geste, mit Präzision. An einzelnen Stellen hätte ich mir etwas mehr Variation im Tempo gewünscht, besonders in den Verhörszenen. Aber das ist eine Geschmacksfrage, kein echter Einwand.
Eine Rezensentin auf der Plattform vergleicht das Buch mit « Das Schweigen der Lämmer », und ich verstehe, warum. Die Struktur mit dem investigativen Zugang zu einem inhaftierten Täter erinnert tatsächlich an Demme und Harris, aber Theils macht etwas anderes daraus. Sie ist weniger an Psychologie interessiert als an der Mechanik des Systemversagens. Wie kommt ein Serienmörder frei? Wer hat versagt? Wessen Interessen schützten wen?
Das Ende, das die Meinungen spaltet
Mehrere Rezensionen loben die Spannung, eine kritisiert das Ende als enttäuschend. Ich teile diese Einschätzung zur Hälfte. Die Auflösung des Falls ist befriedigend, die Verknüpfung der Fähren-Mädchen mit Hix ist schlüssig konstruiert. Was mich weniger überzeugte, waren einige Nebenhandlungen, die im letzten Viertel zu schnell abgewickelt werden. Als würde die Autorin gemerkt haben, dass sie zu viel aufgemacht hat und nun zügig zuschließt. Für ein Debüt, und das ist dieser Roman mit Nora Sand quasi, ist das verzeihlich. Die Figur ist stärker als manche ihrer Erzählkonstruktionen.
Was bleibt, ist ein Hörbuch, das sich über sieben Stunden kaum Leerlauf erlaubt. Ursel Allensteins Übersetzung stört nicht, sie trägt. Die Sprache klingt weder holprig übertragen noch glattgebügelt. Der nordische Ton des Originals ist spürbar, ohne zur Stilisierung zu werden.
Für wen diese sieben Stunden lohnen
Wer skandinavische Krimis mag, in denen Journalistinnen als Ermittlerinnen auftreten, ohne zur Superheldin zu werden, ist hier richtig. Wer Milieu und Atmosphäre braucht, ein London voller grauer Tage und ein Dänemark, das seine eigene Geschichte verschweigt, wird sich wohlfühlen. Wer hingegen ein eng getaktetes Procedural erwartet, in dem jede Szene Ermittlungsfortschritt bedeutet, könnte an den langsameren Passagen hängen bleiben. Die Reihe um Nora Sand hat Potenzial. Dieses erste Abenteuer macht neugierig auf mehr.