Auf einen Blick
- Sprecher: Dietmar Wunder verleiht Lincoln Rhyme und Amelia Sachs seine unverwechselbare Stimme und haelt die Spannung auch in ruhigeren Passagen aufrecht.
- Themen: Forensik und Kriminaltechnik, intelligente Technologie als Waffe, Ermittlerpaare unter Druck
- Stimmung: Dicht, technisch versiert und mit einem leisen Unbehagen, das sich erst spaet aufloedt
- Fazit: Ein solides Kapitel der Rhyme-Reihe fuer treue Fans, die dem Duo auch durch einen etwas behutsamer dosierten Fall folgen moechten.
Es war ein Dienstagabend, und ich hatte mir fest vorgenommen, frueh ins Bett zu gehen. Dann begann Dietmar Wunder mit seiner ersten Zeile in « Der talentierte Moerder », und aus dem fruehen Abend wurde Mitternacht. Das ist das vertraute Risiko, das man eingeht, wenn man sich mit Jeffery Deavers Lincoln-Rhyme-Reihe einlaesst: Man glaubt, nur kurz reinzuhoeren, und dann ist man mittendrin in einem Manhattan, das ploetzlich gefaehrlicher wirkt als je zuvor.
« Der talentierte Moerder » ist Band zwoelf der Reihe, und das merkt man ihm an. Nicht als Schwaeche, sondern als Reife. Deaver nimmt sich Zeit, seinen Schauplatz und seine Figuren zu etablieren, bevor er die eigentliche Bedrohung enthuellt. Und diese Bedrohung hat es in sich: ein Taeter, der Alltagsobjekte und intelligente Technologien in Mordwaffen verwandelt.
Die Rolltreppe als Tatwaffe
Der Einstieg ist Deaver in Hochform: Amelia Sachs verfolgt einen Verdaechtigen durch ein Einkaufszentrum in Brooklyn, als eine Rolltreppe unter einem Mann zusammenbricht und ihn ins Getriebe zieht. Was wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich als praezise geplanter Mord. Diese Szene setzt den Ton fuer das gesamte Buch. Deaver zeigt uns, wie beunruhigend nah Alltagstechnik an uns herantritt, und wie leicht sie sich gegen uns wenden laesst, wenn jemand mit dem richtigen Wissen und der falschen Absicht am Werk ist.
Das ist der Kern dieses Bandes: nicht der klassische Serienkiller mit einem psychologischen Profil, sondern ein Taeter, der mit Engineering-Praezision vorgeht. Fuer Leserinnen und Leser, die sich fuer Forensik und Technologie interessieren, ist das eine frische Perspektive. Fuer jene, die vor allem die psychologische Dimension der Vorgaengerbaende geschaetzt haben, koennte es gelegentlich etwas kuehl wirken.
Rhyme im Rueckzug, Sachs allein vorne
Ein zentrales Strukturmerkmal dieses Bandes ist die veraenderte Dynamik zwischen Lincoln Rhyme und Amelia Sachs. Rhyme hat sich aus der aktiven Ermittlungsarbeit zurueckgezogen und haelt inzwischen Forensikvorlesungen. Das bedeutet, dass Sachs weite Strecken des Falles eigenstaendig bearbeitet, was ihr als Figur gut tut. Wunder differenziert die beiden so klar voneinander, dass man auch ohne visuelle Hinweise jederzeit weiss, wer spricht und denkt.
Claus Buervenich schrieb in seiner Rezension, dass der Band « fuer einen Rhyme-Thriller recht viel Zeit laesst ». Das stimmt, und ich wuerde es leicht anders formulieren: Deaver dosiert die Spannung diesmal in laengeren Boegen. Wer die Reihe kennt und das rasende Tempo frueherer Baende liebt, wird gelegentlich auf mehr Druck warten. Wer die Figuren genuessen moechte und nicht nur den naechsten Plot-Twist erwartet, findet dafuer etwas mehr Raum zum Durchatmen.
Dietmar Wunder und die Kunst des gleichmaessigen Tons
Nach fast zwanzig Jahren mit der Rhyme-Reihe ist Dietmar Wunder in einer Nische angekommen, die ihm vollstaendig gehoert. Er ist nicht nur ein Sprecher, der einen Text liest; er kennt diese Figuren. Das hoert man darin, wie er Sachs’ Dringlichkeit von Rhymes analytischer Kuehle abgrenzt, wie er technische Passagen ueber Schaltkreise und Mechanismen so vortraegt, dass sie nicht truecken, sondern fesseln. Sein Timing in den Verhoersszenen ist besonders praezise: Er gibt jedem Schweigen genau so viel Raum, dass es Bedeutung bekommt, ohne den Fluss zu unterbrechen.
Auf 15 Stunden und 49 Minuten haelt er die Hoererin und den Hoerer verlasslich bei der Stange, selbst wenn das Buch gerade in einer seiner ruhigeren Phasen ist. Das ist handwerkliche Leistung auf hohem Niveau, und sie ist es, die diesen Band auch fuer jene hoerbar macht, die gelegentlich mit einem Auge auf den Strassenverkehr schauen.
Fuer wen dieser Fall funktioniert, fuer wen nicht
Wer bereits Baende der Lincoln-Rhyme-Reihe gehoert hat und weiss, was ihn erwartet, wird hier zufrieden sein. Wer hingegen zum ersten Mal mit Rhyme und Sachs in Beruehrung kommt, sollte besser mit einem frueheren Band einsteigen; die Beziehungsdynamik und die Hintergruende der Figuren werden nicht erklaert, sondern als bekannt vorausgesetzt. Und wer explizit die hoechste Taktfrequenz der Reihe sucht, sollte die Erwartung etwas nach unten korrigieren. « Der talentierte Moerder » ist ein sorgfaeltig konstruierter Kriminalroman mit einem originellen technologischen Bedrohungsszenario. Er ist kein Ausreisser nach oben, aber auch kein Ausreisser nach unten. Er ist Deaver in kontrollierter, beherrschter Form.