Auf einen Blick
- Sprecher: Pia-Rhona Saxe verleiht Rain eine jugendliche Energie und wechselt mühelos zwischen Witz und emotionaler Tiefe, ohne jemals in Kitsch zu verfallen.
- Themen: Märchenadaption, Fluch und Erlösung, Coming-of-Age
- Stimmung: Dunkel-märchenhaft mit Humor, dabei mitreißend und schnell
- Fazit: Wer neue Energie im Märchen-Subgenre sucht, wird von Stella Tacks Serienauftakt überrascht sein.
Es war ein Freitagnachmittag, als ich die Kopfhörer aufsetzte und dachte, ich würde einfach mal kurz rein hören. Zwanzig Minuten, hatte ich mir gesagt. Dreieinhalb Stunden später saß ich noch immer auf dem Sofa, mit einer längst kalt gewordenen Tasse Tee auf dem Couchtisch. Stella Tacks « Der schlafende Prinz » hat mich so überrumpelt, wie ich es von einem Young-Adult-Märchenroman ehrlich gesagt nicht erwartet hatte.
Ich gestehe, dass ich bei dem Klappentext erst geschluckt habe. Nachfahren von Schneewittchen, ein schlafender Prinz unter dem Tower of London, sieben Prüfungen. Das klingt nach einer langen Liste von Versatzstücken, die man schon dutzendfach gehört hat. Aber Stella Tack macht etwas Kluges daraus: Sie nimmt die Märchenlogik ernst und baut trotzdem eine eigenständige Welt darum herum, in der die bekannten Motive sich neu anfühlen.
Was Pia-Rhona Saxe aus Rain macht
Pia-Rhona Saxe spricht diese Produktion, und sie ist ein entscheidender Grund, warum das Hörbuch so gut funktioniert. Ihre Stimme hat eine natürliche Jugendlichkeit, die nicht aufgesetzt wirkt. Sie trifft Rains Tonfall genau: Das ist kein naives Mädchen, das nichts weiß, sondern eine junge Frau, die ihren eigenen Kopf hat und trotzdem überfordert ist von dem, was sie losgetreten hat. Saxe dosiert die Komik in den ersten Kapiteln fein, dreht dann aber die emotionale Intensität mit, wenn die Geschichte dunkler wird. Ich habe ihre Stimme nie als trennendes Element zwischen mir und der Geschichte empfunden, eher als jemanden, der mir die Geschichte erzählt, weil sie selbst begeistert davon ist.
Dunkel und witzig zur gleichen Zeit
Die Rezension von Susanne Camus, die ich vor dem Hören gelesen hatte, beschreibt die Atmosphäre als « düster, magisch und voller Humor » und das trifft es recht gut. Was mich überrascht hat, ist wie sorgfältig Tack diese drei Elemente ausbalanciert. Ein Fluch, der uralte Märchenfamilien vernichten kann, klingt nach schwerem Stoff. Und stellenweise ist er das auch: Es gibt Momente, in denen die Geschichte in echte Gewalt kippt, und Tack zieht keine Punches. Gleichzeitig schreibt sie Rain und ihre Umgebung mit einem trockenen Witz, der die Spannung immer wieder kurz auflöst, ohne die Dringlichkeit zu untergraben. Das ist schwieriger hinzubekommen als es klingt, und es gelingt ihr.
Besonders gut funktioniert der Ansatz mit den Märchennachfahren. Es ist nicht so, dass man den Originalmärchen auf Schritt und Tritt begegnet. Stattdessen sind die Figuren geformt von dem, was ihre Vorfahren erlebt haben, aber sie führen ihr eigenes Leben, mit eigenen Problemen und eigenen Fehlern. Der Reviewer « Series-Magic » hat geschrieben, dass die Geschichte « neugierig macht und nach und nach Zusammenhänge, Hintergründe und Regeln » aufdeckt, und das beschreibt die Struktur gut. Tack gibt Information in einem Tempo aus, das nie überfordert, aber auch nie langweilt.
Ein Anfang, der seinen Job gut macht
« Der schlafende Prinz » ist der erste Band der Ever & After-Reihe, und er verhält sich auch wie ein Serienauftakt. Es gibt eine vollständige Geschichte mit einem eigenen Spannungsbogen, aber die größeren Fragen werden bewusst offen gelassen. Wer Wert auf einen runden Abschluss legt, könnte mit dem Ende hadern. Ich persönlich fand das Ende befriedigend genug, um keine Enttäuschung zu spüren, aber neugierig genug, um sofort wissen zu wollen, wie es weitergeht. Mit 15 Stunden und 11 Minuten ist das Hörbuch auch für den ersten Band einer Serie gut gefüllt. Es gibt keine Hängestrecken im klassischen Sinne, allerdings nimmt das Mittelteil ein wenig Zeit in Anspruch, bevor die sieben Prüfungen wirklich Fahrt aufnehmen.
Was mich am stärksten beeindruckt hat, ist die Notiz aus dem Zitat, das Rezensentin « April1985 » hervorgehoben hat: « Finde heraus, wer du bist und was du sein willst in dieser Welt, und es wird nicht mehr viel geben, was dich aufhalten kann. » Das ist kein zufälliger Satz. Es ist im Grunde das Herzstück dessen, worum es Rain in diesem Buch geht. Tack hat eine Geschichte über einen Fluch geschrieben, aber eigentlich schreibt sie über Identitätsfindung unter extremem Druck. Das macht « Der schlafende Prinz » zu mehr als einer unterhaltsamen Märchenadaption.
Wer sollte zuhören, wer besser nicht
Dieses Hörbuch ist für alle gemacht, die Märchenadaptionen mögen, die sich nicht scheuen, wenn es gelegentlich düsterer und blutiger wird als in den Grimm’schen Originalen. Es richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch als ältere Leserin habe ich mich bestens unterhalten gefühlt. Wer eine abgeschlossene Geschichte in einem Band erwartet, sollte wissen, dass es eine Serie ist und das Ende entsprechend offen bleibt. Wer generell mit Young-Adult-Romantik nichts anfangen kann, wird hier ebenfalls nicht glücklich, denn Rains Herz spielt eine spürbare Rolle.