Auf einen Blick
- Sprecher: Johannes Steck verleiht Erion Leichtfuß eine warme, jugendliche Stimme und differenziert die zwergen- und elfischen Charaktere klar voneinander.
- Themen: Außenseitertum und Zugehörigkeit, Freiheit gegen Tyrannei, Heldenmut im Kleinen
- Stimmung: Abenteuerlich und atmosphärisch dunkel, mit Momenten echter Zärtlichkeit
- Fazit: Wer eine klassisch verwurzelte Dark-Fantasy-Saga sucht, die sich Zeit für ihre Welt nimmt, findet hier einen soliden, vielversprechenden Auftakt.
Es war ein ungewöhnlich trüber Sonntagabend, als ich die ersten Kapitel von « Der Ring der Elfen: Zwergengroll » auflegte. Ich hatte gerade eine Woche hinter mir, die mich wenig Fantasie gelassen hatte, und suchte genau das: eine Welt, die mir vollständig fremd war und in die ich einfach hineinfallen konnte. Horus W. Odenthal lieferte genau das, wenn auch nicht auf Anhieb.
Der Einstieg kostet Geduld. Man lernt zunächst eine Zwergenstadt kennen, die unter einem Berg lebt, regiert vom despotischen König Morlugh, bevölkert von Trollen und Handwerkern, die wenig Sympathie für Erion Leichtfuß aufbringen, den Sohn einer Elfe. Das Tempo ist das eines Autors, der weiß, dass er viel Zeit hat, und der diese Zeit auch wirklich nutzt.
Erion Leichtfuß und die Last des Blutes
Was Odenthal gut gelingt, ist die emotionale Logik seines Helden. Erion ist kein klassischer Auserwählter, der von Beginn an weiß, was er ist. Er ist ein junger Mann, der in einer Gesellschaft lebt, die ihn nie wirklich akzeptiert hat, und dessen einzige Fürsprecherin eine alte Runenschmiedin ist, die in ihm ein Schicksalszeichen erkennt. Diese Lehrer-Schüler-Dynamik trägt das erste Drittel des Hörbuchs erheblich, weil sie menschlich und glaubwürdig ist, auch wenn das Fantasy-Setting manchmal sehr generisch bleibt.
Der entscheidende Wendepunkt ist die Szene, in der Erion eine hässliche, hilflose Kreatur rettet, eine Tat der Selbstlosigkeit, die seine gesamte Welt ins Rollen bringt. Odenthal verzichtet darauf, diesen Moment zu überdramatisieren. Es ist gerade diese Beiläufigkeit, mit der Erion handelt, die den Charakter sympathisch macht. Rezensent Peter Dobberstein hat es treffend formuliert: Es warteten noch Möglichkeiten in den Figuren. Das stimmt, und es ist gleichzeitig die stärkste und schwächste Eigenschaft dieses Auftakts.
Johannes Steck als Stimme unter dem Berg
Johannes Steck ist ein erfahrener Sprecher, und man merkt es. Er gibt Erion eine Wärme, die die Figur über den Text hinaushebt, und er unterscheidet zwischen Zwergen, Trollen und Elfen mit einer Disziplin, die das Kopfkino erheblich erleichtert. Besonders die Szenen im Dunkel unter dem Berg, wo Monster und Gewalt regieren, trägt er mit einer leisen Anspannung, die ich bei anderen Sprechern vermisse. Kein Overacting, kein falsches Pathos. Steck liest so, als würde er selbst gerne wissen, wie es ausgeht.
Gelegentlich wirkt seine Lesung glatter als das Material darunter. Einige Rezensenten haben den Schreibstil als « sehr ausbaufähig » bezeichnet, und das ist nicht ganz unfair. Odenthal schreibt manchmal in einem Duktus, der eher Beschreibung als Erzählung ist, ein Aufzählen von Ereignissen statt eines Hineinziehens in sie. Steck überbrückt diese Momente gut, aber er kann sie nicht vollständig kompensieren.
Welt mit Potenzial, Prosa mit Luft nach oben
Das Worldbuilding zeigt echte Ambitionen. Die Zwergenstadt unter dem Berg hat eine eigene politische Logik, die Konflikte zwischen den Völkern haben eine historische Tiefe, und das Bedrohungsszenario draußen in der Welt, ein Invasionsheer unter einer dunklen Herrscherin, das die Reiche der Menschen erobert hat, verspricht einen größeren Zusammenhang, der in diesem ersten Band nur angedeutet wird. Das ist klassisches Serienwriting: Buch eins legt aus, Buch zwei beginnt aufzubauen.
Wo Odenthal noch wachsen kann, ist die sprachliche Verdichtung. Die emotionalen Höhepunkte sind da, aber sie werden nicht immer mit der Präzision getroffen, die sie verdienen. Wer die Reihe seines anderen Zyklus, « Ninragon », kennt, weiß, dass der Autor ein Erzähler ist, der mit der Zeit besser wird. Für einen ersten Band ist das kein Grund zum Abbruch, sondern ein Anreiz, weiterzuhören.
Wer sollte dieses Hörbuch hören, wer lieber nicht
Dieses Hörbuch eignet sich für Hörer, die klassische Dark Fantasy mögen und bereit sind, einem Autor die erste Hälfte eines Serienauftakts zu geben, ohne sofortige Befriedigung zu erwarten. Johannes Stecks Narration macht den Einstieg leichter als der Text allein. Wer dagegen sofortige Schlagkraft, eine dichte Prosa oder eine abgeschlossene Geschichte sucht, wird unbefriedigt enden. « Zwergengroll » ist ein Versprechen, kein Abschluss.