Auf einen Blick
- Sprecher: Richard Barenberg liefert einen konzentrierten, atmosphärischen Vortrag, der den nordischen Sog des Textes gut transportiert.
- Themen: Stalking und Kontrolle, ungelöste Vergangenheit, Ermittlungsduo unter Druck
- Stimmung: Dicht und beklemmend, mit konstantem Tempo ohne Durchhänger
- Fazit: Wer Den Kastanienmann mochte, wird Sveistrups Handschrift auch hier wiedererkennen, und das ist ein klares Kompliment.
Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal mit Søren Sveistrups Schreiben in Berührung kam: durch die dänische Fernsehserie Kommissarin Lund, und ich hatte danach wochenlang das Bedürfnis, jeden Abend weiterzumachen, auch wenn mir der Alltag das verbot. Mit Der Kastanienmann war dieses Gefühl zurück, und nun mit Der Kuckucksjunge hat Sveistrup meine Abendplanung erneut durcheinandergebracht. Die fünfzehn Stunden und fünfundvierzig Minuten habe ich über mehrere Abendläufe verteilt, Kopfhörer auf, Stadtviertel abgehangen, und irgendwo um die Hälfte bemerkte ich, dass ich statt zum Joggen eigentlich nur einen Vorwand gesucht hatte, um weiterhören zu können.
Der Roman spielt in Kopenhagen. Ein bestialischer Mord erschüttert die Stadt, und schnell zeichnet sich ab, dass er mit einem lange zurückliegenden Fall zusammenhängt. Im Mittelpunkt stehen die Kommissare Naia Thulin und Mark Hess, ein ungleiches Duo, das bereits aus dem Vorgänger bekannt ist, und ein Täter, der seinen Opfern mit perfider Kaltblütigkeit immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Ein Stalker, der kontrolliert. Eine spurlos verschwundene Person. Ein Wettlauf gegen die Zeit.
Richard Barenberg und die Stille des Nordens
Die Wahl von Richard Barenberg als Sprecher ist gut. Seine Stimme hat eine Textur, die dem skandinavischen Kriminalroman zu Gesicht steht: nüchtern, ohne Hysterie, aber nie gleichgültig. Barenberg lässt die Spannung im Text wirken, er illustriert sie nicht durch dramatische Betonungen. Das ist die richtige Entscheidung für dieses Material. Sveistrup schreibt keine lauten Bücher. Er schreibt Bücher, die leise unter die Haut gehen, und Barenberg versteht das.
Rezensentin Roberta beschreibt das Buch als atmosphärisch, spannend, mit tollen Protagonisten, und das ist exakt die Erfahrung, die die Kombination aus Sveistrup und Barenberg erzeugt: Atmosphäre vor Effekt. Wer hochdramatische Stimmakrobatik erwartet, wird hier weniger finden. Wer sich in einen langen, gut konstruierten Kriminalfall hineinfallen lassen will, ist richtig.
Das Profil des Täters
Was Sveistrup von vielen Thriller-Autoren unterscheidet, ist die Psychologie seiner Antagonisten. Der Stalker in Der Kuckucksjunge ist kein Phantom, kein Klischee. Er ist jemand, der seine Opfer wirklich kennt, der die Mechanismen von Vertrauen und Abhängigkeit ausnutzt, und das macht ihn beunruhigender als jede übernatürliche Bedrohung es könnte. Martin Gaedt beschreibt in seiner Rezension die Figur der Marie, die ihren ermordeten Kind nachtrauert und gleichzeitig versucht, ihre anderen Söhne nicht zu verlieren. Diese emotionale Vielschichtigkeit ist kein Beiwerk, sie ist der Kern von Sveistrups Methode: Er zeigt, was Verbrechen hinterlässt, nicht nur wen es trifft.
Die Puzzlestücke fügen sich langsam zusammen, aber nie so langsam, dass Langeweile entsteht. Jessika bemerkt in ihrer Rezension, dass es an der ein oder anderen Stelle hätte kürzer sein können, und ich verstehe diesen Einwand. Sveistrup nimmt sich manchmal Zeit für Perspektivwechsel, die nicht direkt zur Auflösung führen. Wer das als Umweg empfindet, wird leicht ungeduldig. Für mich waren es gerade diese Seitenblicke, die der Handlung ihre Breite gegeben haben.
Muss man den Kastanienmann kennen?
Mehrere Rezensenten empfehlen, den Vorgänger zuerst zu lesen oder zu hören. Ich halte das nicht für zwingend, aber es ist ein klarer Vorteil. Thulin und Hess sind als Figuren im Kuckucksjungen vollständig eingeführt, ihre Dynamik ist auch ohne Vorwissen verständlich. Wer jedoch den Kastanienmann bereits gehört hat, wird im Kuckucksjungen wie in einem vertrauten Zimmer ankommen, mit denselben Stimmen, demselben Tempo, demselben Vertrauen in die Struktur.
Wer sollte dieses Hörbuch hören, wer nicht
Dieses Hörbuch eignet sich für alle, die skandinavische Kriminalromane schätzen und bereit sind, fünfzehn Stunden in eine Geschichte zu investieren, die sich ihre Zeit nimmt. Fans von Kommissarin Lund und Der Kastanienmann werden Sveistrup hier in gewohnter Form erleben. Weniger geeignet ist es für Hörer, die rasante Plots ohne Figurenarbeit bevorzugen. Sveistrup baut Welten, nicht nur Fälle.