Auf einen Blick
- Sprecher: Wolfgang Berger liest dieses Sachbuch mit einer Wärme und Ernsthaftigkeit, die dem Stoff gerecht wird. Er tritt hinter den Inhalt zurück, ohne unsichtbar zu werden.
- Themen: Autismus und Empathie, Vater-Sohn-Beziehung, Wissenschaft als persönliche Reise
- Stimmung: Berührend und nachdenklich, mit einer Qualität, die lange nachwirkt
- Fazit: Eines der wichtigsten Sachbücher zum Thema Autismus in jüngerer Zeit, klug geschrieben und aufmerksam gelesen.
Ich habe selten ein Sachbuch gehört, das mich so lange begleitet hat wie « Der Junge, der zu viel fühlte ». Nicht weil es laut wäre oder aufrüttelnd im Sinne einer Streitschrift, sondern weil es eine Geschichte erzählt, die man nicht abschüttelt. Ich erinnere mich genau: Ich saß an einem Dienstagabend in meiner Küche, eigentlich wollte ich nur kurz etwas nachhören, und am Ende aß ich kalt, weil ich nicht aufgehört hatte zu hören.
Lorenz Wagner, mehrfach preisgekrönter Journalist des Süddeutsche Zeitung Magazins und ehemaliger Chefreporter der Financial Times Deutschland, hat die Familie Markram über Monate begleitet. Henry Markram ist einer der renommiertesten Hirnforscher der Welt, arbeitete am Weizmann-Institut und am Max-Planck-Institut, sein Verfahren zur Messung neuronaler Vernetzungen wurde internationaler Standard. Und dann bekam er Kai. Einen autistischen Sohn. Und all das gesammelte Wissen half ihm nicht dabei, seinen eigenen Jungen zu verstehen.
Die Theorie, die alles auf den Kopf stellt
Was dieses Buch von einem typischen Eltern-Erfahrungsbericht unterscheidet, ist die Verflechtung von persönlicher Geschichte und wissenschaftlicher Erkenntnis. Markrams Theorie, oft als « Intense World Theory » bezeichnet, besagt das Gegenteil von dem, was lange als Konsens galt. Nicht zu wenig fühlen, sondern zu viel. Nicht Empathiemangel, sondern eine Überwältigung der Sinne, die zur Abschottung zwingt. Kai hört nicht weg, weil ihm Menschen egal sind. Er zieht sich zurück, weil alles zu laut, zu hell, zu viel ist. Diese These ist im Buch nicht als Pamphlet formuliert, sondern als langsame Erkenntnis, die sich in Laborergebnissen und Beobachtungen zusammensetzt. Wagner erzählt das so, dass man den Moment des Umdenkens selbst miterlebt.
Wolfgang Berger liest diesen Text mit einer Haltung, die ich als respektvolles Zurücktreten beschreiben würde. Er gibt dem Material Raum. Die Übergänge zwischen dem journalistischen Erzählteil und den wissenschaftlicheren Passagen schafft er ohne Stilbruch. Das ist handwerklich anspruchsvoll, weil das Buch selbst zwischen diesen Ebenen wechselt, und Berger macht es so selbstverständlich, dass man kaum bemerkt, wie er das tut.
Was Rezensionen nicht sagen, aber die Stille danach
Mehrere Menschen, die dieses Buch rezensiert haben, berichten von persönlicher Betroffenheit. Jemand, der 40 Jahre als Heilpädagoge gearbeitet hat, schreibt, er hätte sich dieses Buch schon vor Jahrzehnten gewünscht. Eltern von Kindern mit Asperger-Diagnose berichten, dass sie im Text Parallelitäten zu ihrer eigenen Situation erkannt haben, und dass das Buch ihnen geholfen hat, mit mehr Gelassenheit auf bestimmte Situationen zu schauen. Mindestens ein Rezensent schreibt als Autist selbst und beschreibt, wie das Buch ihm Worte gegeben hat für etwas, das er immer kannte, aber nie so formuliert gehört hatte.
Das ist der Kern dieses Hörbuchs: Es gibt Sprache für etwas, das bisher nur als Abweichung definiert war. Wagner tut das ohne Sentimentalität und ohne falsche Versöhnlichkeit. Die Geschichte von Henry und Kai ist nicht aufgelöst, nicht abgeschlossen. Das Leben der Familie geht weiter, mit allem, was das bedeutet. Und gerade diese Unabgeschlossenheit macht das Buch glaubwürdig.
Für Fachfremde und Fachkundige
Man braucht kein Vorwissen in Neurowissenschaften, um diesem Buch zu folgen. Wagner hat es so geschrieben, dass die wissenschaftlichen Passagen zugänglich bleiben, ohne simplifiziert zu werden. Gleichzeitig findet, wer bereits mit Autismusforschung vertraut ist, hier eine spezifische These, die im Buch detailliert ausgeführt wird, insbesondere in den Kapiteln über die Laborergebnisse von Tania Rinaldi Barkat. Das ist keine Lektüre, nach der man alles über Autismus weiß. Aber es ist eine Lektüre, nach der man anders darüber nachdenkt. Für gut sechs Stunden Hörzeit ist das eine außerordentliche Leistung.