Auf einen Blick
- Sprecher: Volker Niederfahrenhorst trägt Pratchetts absurden Humor mit ruhiger Würde, was den Witz paradoxerweise noch schärfer macht.
- Themen: Kosmische Bedrohung, Magie-Versagen, satirische Heldenreise
- Stimmung: Heiter-absurd mit gelegentlichem existenziellem Schwindel
- Fazit: Ein solider zweiter Scheibenwelt-Band, der Serieneinsteigern nichts gibt und Fans der ersten Stunde alles.
Ich war noch nie jemand, der direkt am Morgen nach dem Frühstück ein Hörbuch startet. Aber « Das Licht der Phantasie » habe ich an einem Sonntag genau so begonnen, mit einem zweiten Kaffee in der Hand und dem Vorsatz, nur die ersten zwanzig Minuten zu hören. Natürlich kam es anders. Terry Pratchetts Scheibenwelt hat eine besondere Eigenschaft: Man versteht die Absurdität dieser Welt schnell, aber man wird nie ganz fertig damit, sie zu entschlüsseln.
Dieser zweite Scheibenwelt-Roman knüpft nahtlos an den ersten an. Wer « Die Farben der Magie » kennt, erinnert sich: Rincewind und der Tourist Zweiblum stürzten gemeinsam über den Rand der Welt. Hier beginnt die Geschichte genau dort. Ein Fichtenstamm rettet den ungeschickten Zauberer, und die Scheibenwelt selbst steht unter Bedrohung: Ein roter Stern nähert sich, und ausgerechnet in Rincewinds Kopf befindet sich der Zauberspruch, der alles retten könnte. Das Problem ist natürlich, dass Rincewind von allen Zauberern der Welt derjenige ist, dem man am wenigsten zutraut, irgendetwas zu retten.
Der ungeschickte Held als Kommentator seiner eigenen Geschichte
Pratchetts Kunstgriff ist simpel und brillant zugleich: Rincewind ist kein Held. Er rennt weg, er klagt, er zweifelt, und er überlebt trotzdem auf eine Art, die weniger mit Fähigkeiten als mit Glück und Zufall zu tun hat. In dieser Hinsicht ist er eine Gegenfigur zur klassischen Fantasy-Heldenerzählung, und Volker Niederfahrenhorst findet dafür den richtigen Ton. Er liest Rincewinds Innenleben nicht als klägliche Selbstbemitleidung, sondern mit einer gewissen würdevollen Ergebenheit, die noch komischer ist als offensichtliches Jammern. Wenn Niederfahrenhorst Rincewinds Überzeugung vermittelt, dass dieser Moment sehr wahrscheinlich sein letzter sein wird, und dann trotzdem noch ein Kapitel folgt, entsteht eine Wirkung, die fast musikalisch ist.
Zweiblum, der erste Tourist der Scheibenwelt, bleibt der enthusiastische Kontrapunkt. Er findet alles faszinierend, was Rincewind als lebensbedrohlich einschätzt, und Niederfahrenhorst hält diese Energie aufrecht, ohne in Schablonenkomik zu verfallen. Der Kontrast zwischen beiden ist das eigentliche Herz dieser Geschichte.
Pratchetts Welt als lebendiges System
Was in diesem zweiten Band stärker wird: Pratchetts Welt ist nicht nur Kulisse, sie hat eine eigene Logik, die sich selbst kommentiert. Die Einführung von Cohen dem Barbaren, der inzwischen 87 Jahre alt ist und trotzdem als legendärer Held gilt, ist ein Paradebeispiel dafür. Hearne und andere Urban-Fantasy-Autoren nutzen Mythologie als Ressource. Pratchett macht etwas anderes: Er nutzt Fantasy-Konventionen als Material für Reflexion. Cohen existiert, weil die Welt Helden braucht, aber seine Heldenhaftigkeit ist längst zur Bürde geworden. Das ist eine kleine Idee, die in wenigen Seiten mehr aussagt als mancher Roman in vierhundert.
Der rote Stern als planetare Bedrohung gibt dem Band einen kosmischen Rahmen, der für Pratchett ungewöhnlich ernst wirkt, aber auch das ist ein Spiel: Die Bedrohung ist real, aber die Welt reagiert auf sie mit der gleichen chaotischen Inkompetenz, die sie auf alles anwendet. Das ist keine Satire, die mit dem Finger zeigt. Es ist Satire, die einfach zeigt.
Für wen dieses Hörbuch gemacht ist
Wer noch keinen Scheibenwelt-Roman gelesen hat, sollte mit diesem Band nicht anfangen. Nicht weil er unverständlich wäre, sondern weil der direkte inhaltliche Anschluss an Band eins viel von der Wirkung ausmacht. Wer den Cliffhanger am Ende von « Die Farben der Magie » kennt, bekommt hier sofort die Fortsetzung, und das fühlt sich richtig an. Für Scheibenwelt-Fans ist dieser zweite Band eine zuverlässige Fortsetzung: weniger ein Neustart als ein zweites Kapitel einer längeren Geschichte. Und neun Stunden mit Rincewind, Zweiblum und Niederfahrenhorsts ruhigem Erzählton sind gut investierte neun Stunden.