Auf einen Blick
- Sprecher: David Nathan — die bekannteste Stimme des deutschen Hörbuchmarkts — liest Stephen King mit der nötigen Gravitas und einem Gespür für Kings selbstironischen Ton.
- Themen: Schreiben als Handwerk, Autobiografie, Genesung nach Trauma
- Stimmung: Klug, persönlich und überraschend ermutигend
- Fazit: Eines der ehrlichsten Bücher über das Schreiben, das je erschienen ist — für alle, die selbst schreiben oder verstehen wollen, wie King denkt.
Ich erinnere mich genau, wann ich dieses Buch zum ersten Mal gehört habe — nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch, und Jahre bevor David Nathans Version erschien. Die Szene, in dem King beschreibt, wie er nach dem Unfall 1999 mit gebrochenen Knochen und unter Schmerzmitteln wieder zu schreiben beginnt, hatte mich damals sprachlos gemacht. Jetzt, in Nathans Lesung, hat sie mich wieder erwischt.
« Das Leben und das Schreiben » erscheint auf Deutsch mit Nathans Stimme, und das ist keine kleine Sache. David Nathan ist in Deutschland nicht nur der bekannteste Hörbuchsprecher des Landes — er ist auch die synchronisierte Stimme von Johnny Depp und einer Handvoll anderer Ikonen. Wenn er spricht, bringt er eine Körperlichkeit und Präsenz mit, die King verdient.
Memoiren und Handwerk, untrennbar verflochten
Das Buch gliedert sich in drei Teile, die so geschickt miteinander verwoben sind, dass man sie kaum trennen kann: die Kindheit und Jugend Kings, ein Ratgeberteil über das Schreiben als Handwerk, und die Geschichte der Entstehung des Buches selbst, während King von einem Lieferwagen überfahren worden und fast gestorben war. Diese Struktur ist das eigentliche Kunststück des Buches.
King schreibt und spricht über das Schreiben nicht wie ein Professor, der Regeln aufstellt, sondern wie ein Handwerker, der seinen Werkzeugkasten zeigt. Er mag Adverbien nicht. Er findet Passive Konstruktionen meistens schwach. Er besteht darauf, dass der erste Entwurf immer — immer — schlechter ist als der zweite. Und er sagt das nicht mit der Autorität des Meisterschreibers, sondern mit der Selbstironie von jemandem, der selbst viele schlechte erste Entwürfe geschrieben hat.
Was David Nathan aus dem Text macht
Nathan liest dieses Buch, als hätte er es selbst geschrieben. Das klingt wie ein Klischee, aber ich meine es technisch: Er versteht, wann King witzig ist, und er lässt den Witz wirken, ohne ihn zu betonen. Er versteht, wann King verletzlich ist, und er lässt auch das stehen, ohne es zu dramatisieren. Das ist Sprecherarbeit auf einem Niveau, das man nicht immer bekommt.
Besonders in den Abschnitten über die Genesung nach dem Unfall — King im Krankenhaus, Kings Frau Tabitha, die das Schreiben als Therapie vorschlägt — zeigt Nathan eine Zurückhaltung, die den Text atmen lässt. Eine Rezensentin schreibt, das Buch habe ihr das Schreiben zurückgegeben. Ich glaube, David Nathans Lesung hat daran erheblichen Anteil.
Kein Geheimrezept, aber echte Substanz
Wer ein Handbuch erwartet, das in zehn Schritten erklärt, wie man ein Bestseller schreibt, ist falsch hier. King macht deutlich, dass das Schreiben nicht gelehrt, sondern höchstens begünstigt werden kann. Was er gibt, sind Prinzipien: Lies viel. Schreib viel. Schreib die Tür zu. Lass den ersten Entwurf abliegen. Das ist weniger als eine Methode und mehr als ein Ratschlag — es ist eine Haltung.
Diese Haltung macht das Buch für zwei Arten von Hörern wertvoll: für angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich fragen, ob sie das « dürfen », und für alle, die King als Person, nicht nur als Autor, kennenlernen wollen. Es ist kein Horror in diesem Buch. Es ist nur ein Mann, der erklärt, wie er mit den Dingen umgeht, die ihn erschrecken — und warum er darüber schreibt.
Für wen sich das Anhören lohnt
Für alle, die schreiben — egal ob professionell oder als Hobby. Für alle, die King kennen und nicht wissen, was hinter den Büchern steckt. Für alle, die zehn Stunden und siebenundzwanzig Minuten einen der eigenwilligsten Erzähler der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts zuhören möchten, wie er über das spricht, was er am besten kann.
Wer dagegen reinen Horror oder Spannung sucht, findet das hier nicht. Das ist ein nachdenkliches, manchmal lustiges, manchmal schmerzhaftes Buch über Leben und Literatur — und das zeigt der Titel ganz ehrlich an.