Auf einen Blick
- Sprecher: Peter Kaempfe liest Wohlleben mit der ruhigen Präzision, die diesem Autor eigen ist, und lässt den Staunen-Effekt der Beobachtungen wirken.
- Themen: Ökosystemische Abhängigkeiten, menschlicher Einfluss auf natürliche Kreisläufe, Tier-Pflanzen-Interaktionen
- Stimmung: Nachdenklich und faszinierend, mit leiser Dringlichkeit im Hintergrund
- Fazit: Sieben kompakte Stunden, nach denen man die nächste Waldspazierung mit anderen Augen machen wird.
Es war ein Sonntagmorgen im Oktober, noch dunkel draußen, und ich hatte Kaffe vor mir und nichts geplant. Ich wollte eigentlich einen Podcast hören, öffnete stattdessen die Audible-App und landete bei « Das geheime Netzwerk der Natur ». Nach zwanzig Minuten hatte ich den Kaffee vergessen. Wohlleben beschreibt, wie Laubbäume die Erdrotation beeinflussen, und tut das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wäre es ein bekanntes Faktum, das man nur noch nicht gehört hatte. Ich habe das Buch in zwei Sitzungen durchgehört, was bei sieben Stunden Laufzeit bedeutet: keine Pausen, kein Abschweifen.
Peter Kaempfe ist der richtige Sprecher für Wohlleben. Das ist keine zufällige Entscheidung. Kaempfe hat eine Stimme, die Ernsthaftigkeit und Zugänglichkeit verbindet. Er liest nicht vor, er erklärt mit einem leichten Staunen, das man selbst kennt, wenn man im Wald steht und plötzlich versteht, warum bestimmte Pflanzen an bestimmten Stellen wachsen. Dieser Ton ist schwer zu beschreiben, aber nach fünf Minuten weiß man, was gemeint ist. Es passt.
Wenn Kraniche spanischen Schinken gefährden: Die Kunst des unerwarteten Zusammenhangs
Was Wohlleben kann und was andere Naturkundebücher nicht immer schaffen, ist das Verketten von Phänomenen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Kraniche und spanische Schinkenproduzenten klingt wie der Anfang eines Witzes. Es ist ein reales ökologisches Abhängigkeitssystem, und Wohlleben erklärt, wie das eine das andere beeinflusst, mit einer Erzähllogik, die aus sich heraus Spannung erzeugt. Nach dem dritten solchen Beispiel fragt man sich automatisch: Was wird als Nächstes aufgeklärt? Dieser Sog ist das Werkzeug, mit dem Wohlleben sein Publikum bei der Stange hält, ohne je auf Dramatisierung angewiesen zu sein.
Kaempfe lässt diesen Aufbau wirken. Er gibt jedem Phänomen genug Raum, bevor die Verbindung gezogen wird, und das trägt zum Verständnis bei. Hörende, die keine Biologiegrundlage mitbringen, werden dennoch folgen können, und das ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Thema, das in der Fachliteratur erheblich komplizierter dargestellt wird.
Wohlleben und der Mensch: Zwischen Mahnung und Plakativität
Es gibt einen Moment im Buch, der mich kurz gestört hat. Wohlleben tendiert gelegentlich dazu, die menschliche Rolle in der Natur so zu formulieren, dass es in Richtung Schwarz-Weiß-Denken kippt. Der Mensch als Albtraum der Erde ist eine Formulierung, die in einer Rezension auftauchte, und sie beschreibt diese Tendenz treffend. Das ist nicht falsch in seinen Grundaussagen, aber es reduziert Komplexität auf eine Weise, die wissenschaftlich anspruchsvolleren Hörenden manchmal zu dünn vorkommt.
Das ist die bekannte Achillesferse dieses Genres: Je zugänglicher, desto mehr vereinfacht. Wohlleben weiß das, und er nimmt es in Kauf, weil er ein breites Publikum erreichen will. Wenn man diese Entscheidung akzeptiert, was ich tue, bleibt ein Buch, das den eigentlichen Auftrag erfüllt: Menschen, die der Natur gegenüber bisher gleichgültig waren, das Staunen beibringen. Das ist mehr wert, als viele Fachbücher leisten.
Sieben Stunden, die Nachhaltigkeit erzeugen
Die Laufzeit ist mit gut sieben Stunden vergleichsweise kurz. Das ist ein Vorteil für Hörerinnen und Hörer, die selten lange am Stück hören. Es ist ein leichter Nachteil für jene, die mehr wollten. Mehrere Rezensionen bemerkten, dass sie sich mehr Tiefe gewünscht hätten, und ich verstehe das. Das Kapitel über Ameisen und Blattläuse etwa hätte ich gerne in doppelter Länge gehört. Aber Wohlleben ist kein Lehrbuchautor, er ist ein Erzähler, und als Erzähler weiß er, wann er aufhören muss.
Nach dem Hören bin ich tatsächlich in den Wald gegangen, was ich seit Monaten nicht getan hatte. Das ist vielleicht die ehrlichste Bewertung, die ich geben kann.