Auf einen Blick
- Sprecher: Ulrike Sophie Kapfer liest mit einer ruhigen, eindringlichen Präzision, die Tara Westovers poetischer und gleichzeitig kühler Prosa vollständig gerecht wird.
- Themen: Bildung als Befreiung, religiöser Fundamentalismus und Kontrolle, Familientrauma und Identitätsfindung
- Stimmung: Beklemmend und bewegend, mit einer stillen Kraft, die lange nachhallt
- Fazit: Eine der wichtigsten Memoiren der letzten Jahrzehnte, in einer deutschen Sprechleistung, die dem Material nichts nimmt.
Es gibt Bücher, bei denen ich während des Hörens mehrfach aufgehört habe und einfach nur da saß. « Befreit » von Tara Westover ist so ein Buch. Ich hörte es über mehrere Abende, in kleinen Häppchen, weil größere Portionen schwer zu tragen waren. Nicht weil es schlecht geschrieben wäre, im Gegenteil, sondern weil es so dicht ist, so präzise und so unnachgiebig ehrlich, dass man Pausen braucht, um das Gehörte setzen zu lassen.
« Befreit » heißt im englischen Original « Educated » und trägt diesen Titel mit einer gewissen bitteren Ironie: Tara Westover war 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betrat. Aufgewachsen in den Bergen Idahos, Tochter eines fundamentalistischen Mormonen, der die staatliche Schule, Ärzte und offizielle Dokumente als Bedrohung betrachtete. Kein Schulabschluss, keine Geburtsurkunde, und ein Bruder, der seine Schwester misshandelt, während die Familie wegschaut.
Was Bildung hier wirklich bedeutet
Das Wort Bildung erscheint in diesem Buch in einem Kontext, der weit über Schulabschlüsse hinausgeht. Für Tara Westover bedeutet Bildung, ein Bewusstsein von sich selbst zu entwickeln, eine eigene Sicht auf die Realität zu gewinnen, die nicht von der Weltsicht ihres Vaters vorgegeben wird. Es ist die Geschichte davon, wie jemand lernt zu denken, bevor sie lernt zu lesen, und wie dieser Weg von Idaho nach Cambridge führt, von einem Leben ohne Geburtsurkunde zu einem Doktortitel.
Ulrike Sophie Kapfer liest diese Geschichte mit einer Präzision, die ich bei deutschen Sprecherinnen von englischsprachigen Memoiren nicht immer erlebe. Kapfer klingt nicht wie jemand, der ein Buch übersetzt oder adaptiert, sondern wie jemand, der eine eigene Geschichte erzählt. Sie bringt die poetischen Passagen, in denen Westover die Natur Idahos beschreibt, zum Leuchten, und sie hält die Brutalität der familiären Gewaltszenen vollkommen nüchtern, ohne Dramatisierung. Genau das ist die richtige Entscheidung.
Ein Vater, eine Ideologie, eine Familie
Westovers Vater ist keine Karikatur. Das ist vielleicht das Schwierigste an diesem Buch: Er ist ein Mensch, der sich und seiner Familie gegenüber vollständig überzeugt ist, das Richtige zu tun. Die Paranoia, das Verschwörungsdenken, die religiöse Überzeugung vom nahenden Ende, das alles kommt nicht als Bösartigkeit, sondern als zerstörerische Form von Fürsorge.
Ein Rezensent beschreibt, wie er beim Lesen Parallelen zu zeitgenössischen Phänomenen sah, und das ist keine abwegige Beobachtung. Westovers Beschreibung, wie sich Selbstradikalisierung und Paranoia in einer Familie entfalten, wie Wahrnehmungen manipuliert und Realitäten umgedeutet werden, hat eine Allgemeingültigkeit, die weit über Idaho hinausgeht.
Kapfer hält diesen Teil des Buches besonders gut. Wenn sie den Vater spricht oder seine Logik wiedergibt, klingt da kein Urteil. Keine Ironie, keine versteckte Kommentierung. Nur die Worte, die für sich stehen und damit umso schwerer wiegen.
Eine Memoirenform, die kein Urteil fällt
Westover schreibt nicht anklagend. Das ist literarisch gesehen eine mutige Entscheidung. Es wäre einfacher gewesen, eine eindeutige Geschichte von Tätern und Opfern zu erzählen. Stattdessen zeigt sie Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit: eine Mutter, die zugleich Mittäterin und Opfer ist. Geschwister, die denselben Ursprung haben, aber völlig verschiedene Wege gehen. Die eigene Erzählerinnen-Stimme, die immer wieder zweifelt an der eigenen Erinnerung.
Mehrere Rezensionen nennen das Buch lehrreich und bewegend, eine beschreibt es als wenig unterhaltsam und empfiehlt es nur für Leserinnen, die keine Lehren erwarten. Das ist eine faire Differenzierung. « Befreit » ist nicht unterhaltsam im Sinne von Ablenkung. Es ist fordernd, und es gibt keine praktischen Schlussfolgerungen.
Mit 13 Stunden und 19 Minuten ist es ein längeres Hörbuch, aber es ist nie langsam. Westovers Sprache ist dicht und die Handlung bewegt sich in klaren Zeitsprüngen von der Kindheit bis zur Doktorarbeit in Cambridge. Kapfer trägt jeden dieser Abschnitte mit einer Energie, die genau dem Lebensalter und der emotionalen Verfassung der Erzählerin entspricht.
Wer sollte hören, wer sollte warten
Wer Memoiren schätzt, die über persönliches Schicksal hinaus gesellschaftlich relevante Fragen stellen, ist hier genau richtig. Wer ein Buch sucht, das zeigt, wie religiöser Extremismus, Kindesmisshandlung und der Hunger nach Bildung miteinander verwoben sein können, findet in « Befreit » eine der sorgfältigsten Auseinandersetzungen mit diesen Themen, die ich kenne.
Wer emotionale Leichtigkeit sucht oder ein klar strukturiertes Sachbuch mit Lerneffekt erwartet, ist falsch hier. « Befreit » ist eine Prosaerfahrung. Und Ulrike Sophie Kapfer macht sie zu einer, bei der man nicht aufhören will.