Auf einen Blick
- Sprecher: Natalie Amiri liest ihr eigenes Buch und das ist die einzig richtige Entscheidung für diesen Stoff.
- Themen: Iran zwischen Tradition und Widerstand, deutsch-iranische Identität, Arbeit als Kriegsreporterin
- Stimmung: Nachdenklich, nah, manchmal beklemmend
- Fazit: Ein Hörbuch, das durch Amiris eigene Stimme eine Intensität gewinnt, die keine fremde Sprecherin hätte erreichen können.
Ich bin auf dieses Hörbuch während eines Hundespaziergangs gestoßen, zumindest beschreibt eine der Rezensionen ihren Einstieg so: reinhören und dann laufen und laufen und nicht aufhören wollen. Das kenne ich. Ich habe « Zwischen den Welten » an einem Dienstagmorgen auf dem Weg ins Büro begonnen und bin dreimal an meiner U-Bahn-Haltestelle vorbeigefahren, weil ich die Ohrstöpsel nicht rausnehmen wollte.
Natalie Amiri ist ARD-Korrespondentin und Weltspiegel-Moderatorin. Sie wuchs in München in einer deutsch-iranischen Familie auf und lebte über sechs Jahre in Teheran. Was sie in diesem Buch beschreibt, ist kein distanzierter Journalismus, sondern ein Leben zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei politischen Realitäten. Und sie liest es selbst.
Warum Selbstnarration hier keine Frage ist
Es gibt Bücher, bei denen die Frage, wer liest, verhandelbar ist. Bei diesem nicht. Amiri beschreibt Situationen, die sie persönlich erlebt hat: das Benzin, das aufgrund westlicher Sanktionen knapp ist und sie mitten im Gebirge stehen lässt. Die Hose, die zu kurz erscheint und sie vor eine absurde Strafe stellt. Die Partys, die verboten sind und trotzdem stattfinden. Die Quellen, die sie schützen muss, auch um den Preis ihrer eigenen Sicherheit. All das aus der Stimme einer Fremden zu hören, wäre eine Verfälschung. Amiri liest mit der ruhigen Autorität einer Person, die weiß, was sie sagt, weil sie es gelebt hat. Das ist in jedem Satz spürbar.
Technisch ist ihre Stimme eine Journalistenstimme: klar, artikuliert, kontrolliert. Keine dramatischen Steigerungen, keine Effekte. Und gerade das ist richtig, denn der Stoff ist dramatisch genug. Wenn sie beschreibt, wie jede Geschichte, die sie erzählen wollte, von Herzklopfen begleitet war, weil sie nie sicher sein konnte, ob sie dieses Mal festgenommen wird, braucht das keine Theatralik.
Der Iran, den die Nachrichten nicht zeigen
Was Amiri leistet, ist das Aufbrechen eines Klischees. Der Iran der internationalen Schlagzeilen ist Atomprogramm, Revolutionsgarden, Mullah-Regime. Der Iran, den Amiri beschreibt, ist all das, und gleichzeitig ein Land mit verbotenen Partys, einem ersten weiblichen Fußballstar, Lehrern, Drogenabhängigen und Intellektuellen, die alle unter demselben System leben und trotzdem sehr verschiedene Geschichten erzählen. Sie lässt sie alle zu Wort kommen, und das ist das eigentliche Versprechen dieses Buches: eine Stimme zu sein für Menschen, die keine haben.
Die politische Einordnung ist dabei nie flach. Amiri erklärt die Entwicklungen seit der Revolution von 1979 ohne zu vereinfachen, ohne zu moralisieren, mit der Präzision, die man von einer Korrespondentin erwartet, die das Land wirklich kennt. Eine Rezensentin, die nach eigenen Worten selbst Iranerin ist, schreibt, Amiri erkläre die Situation sehr gut verständlich. Das ist kein kleines Lob.
Das Persönliche und das Politische
Was mich am stärksten berührt hat, sind die Momente, in denen Amiri nicht von anderen, sondern von sich selbst schreibt. Von dem, was es bedeutet, zwischen zwei Identitäten zu existieren, keine von beiden vollständig zu bewohnen. In Deutschland ist sie die mit dem iranischen Vater, im Iran die aus Deutschland. Diese Zwischenposition ist kein Nachteil, sondern die Voraussetzung für das, was sie tut. Nur wer beiden Seiten genug versteht, kann von einer zur anderen übersetzen.
Die knapp acht Stunden fühlen sich an wie eine lange, sehr gute Reportage. Man lernt etwas. Man fühlt etwas. Und man beendet das Hörbuch mit dem Wunsch, mehr zu verstehen als davor.
Wer dieses Hörbuch hören sollte
Hörerinnen und Hörer, die mehr über den Iran verstehen wollen als das, was in den Tagesnachrichten vorkommt, sind hier richtig. Auch wer sich für Fragen nach Identität, kultureller Zugehörigkeit und Journalismus unter Druck interessiert, findet in diesem Hörbuch viel Stoff. Wer ausschließlich Fiktion sucht oder sich von politischen Themen fernhalten möchte, ist besser anderweitig aufgehoben. Für alle anderen: Ohrstöpsel rein und nicht vergessen, auf die eigene Haltestelle zu achten.