Auf einen Blick
- Sprecher: Julian Jäger trifft den selbstironischen Ton der Geschichte sehr gut und verleiht Storm eine Wärme, die aus einer reinen Komödienfigur einen echten Charakter macht.
- Themen: Fake-Dating mit echten Gefühlen, Eifersucht und Selbsttäuschung, queere Identität in der Kleinstadt
- Stimmung: Leicht, romantisch und mit einem Schuss Chaos, der gut sitzt
- Fazit: Wer Gay Romance mit Humor und echten Gefühlen sucht, liegt hier richtig, solange man explizite Szenen nicht scheut.
Es gibt Hörbücher, die man sich für einen langen Nachmittag vornimmt und sechs Stunden später fertig ist, weil man schlicht nicht aufgehört hat. « Sweet little Secret » von Ray van Black war genau das. Ein Samstagvormittag, der sich in einen Samstagnachmittag verwandelte, ohne dass ich es gemerkt hätte.
Die Prämisse klingt vertraut: Ex-Freund heiratet die beste Freundin, Protagonist will ihn zurückgewinnen und heuert über eine Escort-Agentur einen attraktiven Begleiter an, um ihn eifersüchtig zu machen. Was folgt, lässt sich ahnen. Was nicht zu ahnen war: Wie gut Ray van Black diese Grundkonstruktion mit echten Emotionen füllt und wie sehr man sich um Storm und Constantin sorgen wird, obwohl man die Mechanik der Geschichte von Anfang an kennt.
Storm, der Friseur mit zu viel Haarspray und zu wenig Selbstkenntnis
Storm ist als Protagonist eine vergnügliche Wahl. Er ist liebenswert chaotisch, glänzend in seiner Selbsttäuschung und absolut überzeugt davon, dass sein Plan funktionieren wird, obwohl jeder Leser und jede Leserin nach zwanzig Minuten weiß, dass er nicht funktionieren wird. Das ist kein Fehler, das ist die Stärke des Buches. Die Spannung entsteht nicht durch Ungewissheit über den Ausgang, sondern durch das Zusehen, wie Storm langsam begreift, was alle anderen längst wissen.
Ray van Black schreibt ausschließlich aus Storms Perspektive, was eine Rezensentin als kleinen Kritikpunkt nannte: Constantin bleibt dadurch etwas im Dunkeln. Ich sehe das anders. Die Einseitigkeit der Perspektive ist eine bewusste Entscheidung, die dafür sorgt, dass Constantins Handlungen im letzten Drittel tatsächlich überraschend wirken. Man sieht ihn durch Storms verliebten, aber unzuverlässigen Blick, und das macht die Wendung möglich.
Julian Jäger und die Kunst der ersten Person
Julian Jäger ist für dieses Buch eine sehr gute Wahl. Gay Romance in der Ich-Perspektive stellt besondere Anforderungen an einen Sprecher: Die Figur muss zugleich witzig und verletzbar sein, selbstironisch, ohne distanziert zu wirken. Jäger findet diese Balance. Storm klingt in seinen Händen weder wie eine Karikatur noch wie eine zu ernste Figur, die ihren eigenen Humor nicht bemerkt.
Besonders die Szenen rund um die Hochzeit, Minigolf im Schnee und die zahlreichen kleinen Katastrophen des gemeinsamen Ausflugs trägt Jäger mit einem Timing, das bei einem weniger erfahrenen Sprecher hätte flach fallen können. Die expliziten Szenen sind, wie in diesem Genre üblich, ein Teil der Geschichte. Wer damit kein Problem hat, wird sie als natürlich integrierten Teil der Erzählung erleben. Wer explizite Inhalte grundsätzlich nicht mag, sollte das vorab wissen.
Was « lite Version » wirklich bedeutet
Mehrere Rezensionen beschreiben das Buch als « Ray van Black in lite Version », weil es weniger dunkel und dominant ist als seine anderen Werke. Das ist korrekt und gleichzeitig keine Herabstufung. « Sweet little Secret » ist bewusst leichter, aber nicht flacher. Der Schreibstil ist flüssig, die Emotionen sind erkennbar, und die Geschichte hat einen echten Bogen. Das letzte Drittel zieht merklich an, und der Abschluss ist befriedigend ohne kitschig zu sein.
Eine Schwäche: Constantin könnte tatsächlich etwas mehr Kontur vertragen. Wer ihn vollständig versteht, würde von einem zweiten Band aus seiner Perspektive profitieren. Eine Leserin wünscht sich außerdem einen zweiten Band mit Justin als Protagonist, der in dieser Geschichte als Nebenfigur auftaucht und dabei mehr Neugier weckt, als die Handlung auflöst. Das ist eigentlich das höchste Lob für eine Nebenfigur.
Wer reinhören sollte und wer lieber etwas anderes wählt
Wer Gay Romance mit Humor, Fake-Dating-Dynamik und expliziten Szenen sucht, ist hier genau richtig. Wer Riorians Darkness der anderen van-Black-Werke erwartet, wird eine andere, leichtere Welt finden. Wer grundsätzlich kein Interesse an queerer Romantik hat, wird auch in diesem Buch keinen Anknüpfungspunkt finden. Für alle anderen: sechs Stunden und siebzehn Minuten sind eine sehr angenehm verbrachte Zeit.